• Wibke

Coimbra – Von Zauberern, Studenten & tragischen Liebesgeschichten


Verwirrt schaue ich mich um … bin ich gerade in das Set von Dreharbeiten zu einem weiteren Harry Potter Film gelaufen? Überall sehe ich junge Leute in schnieken schwarzen Anzügen und langen Mänteln in gleicher Farbe. Jetzt wedelt mir einer noch mit einem Zauberstab unter der Nase herum - will er mich verhexen? Da ich immer noch kein Stachelschwein geworden bin, mache ich die Augen langsam auf und schaue Luis an, der mir eigentlich nur Bleistifte verkaufen will, um damit sein Studium zu finanzieren. Na das ist dann wohl gerade nochmal gut gegangen …

Allerdings wenig verwunderlich, dass sich J.K. Rowling für ihre Romanserie bei ihrem Besuch in der alten portugiesischen Stadt hat inspirieren lassen.

Die Universität von Coimbra wurde 1290 von König Dionysius gegründet und ist die älteste Universität Portugals (damit gleichzeitig eine der ältesten der Welt). Wie ein Drache thront sie in dem einstigen Königspalast weit über der Stadt und dem Fluss Mondego. Heute sind dort 22.000 Studierende immatrikuliert, sie wurde 2013 zum Weltkulturerbe ernannt. Schon von Weitem sieht man den Uhrenturm, der von Studenten Ziegen-Turm genannt wird. Er ist nicht nur das Wahrzeichen der Universität, sondern prägt auch das gesamte Stadtbild. In ihm befindet sich im Glockengeläut die berühmte „Cabra“ (zu deutsch: Ziege); eine Glocke, die früher jeden Tag den Unterrichtsbeginn und Unterrichtsschluss für die Studenten läutete.

Zu einer Zauberschule wie Hogwarts würden auch sehr gut die Fledermäuse passen, die Nachts durch die prunkvoll ausgestattete, barocke Bibliothek fliegen. Jeden Abend werden deshalb Ledertücher über die wertvollen Mahagonie-Tische des Lesesaals gebreitet, da die kleinen Möchtegern-Vampire ja nicht wirklich stubenrein sind. Wir fragen unsere Führerin Sara, warum man sich nicht einfach der Tiere entledigt. “Die Fledermäuse machen nachts Jagd auf Insekten, wie beispielsweise Motten und auch Bücherwürmer, und somit sind sie wertvolle Schädlingsvernichter. Sie tragen so zum Erhalt der wertvollen alten Bücher, Drucke und Handschriften aus allen Teilen der Welt bei. Dafür nehmen wir das allabendliche Zudecken der Lesetische gerne in Kauf. Außerdem gibt es auch noch mehrere Katzen, die die Mäusepopulation im Zaum halten.“

​​Foto info@visitportugal.com

Die verschnörkelte, von unten bis oben mit alten Büchern voll bestückte Johaninische Bibliothek hat bestimmt auch irgendwo eine „restricted section“, in der neugierige Studenten Zugang zur schwarzen Magie finden können. In den von konischen Säulen gestützten, wunderbar geschnitzten und mit chinesischen Motiven verzierten Regalen stehen rund 30.000 Bände und 5.000 Manuskripte. Selbst für Menschen mit der Auffassungsgabe einer Hermione Granger dürfte das wohl mehr als ein Leben an Lesestoff bedeuten. Allerdings wird die Bibliothek seit 1910 nicht mehr aktiv genutzt, und heute kann man nur noch mit einer Sondergenehmigung Einsicht in die alten Bände bekommen. Bei dem Wert der Bücher ist das kein Wunder: das älteste Buch der Bibliothek stammt aus dem Jahre 1100. Zum Bestand der Bibliothek gehören einige besonders seltene Exemplare, wie beispielsweise eine hebräische Bibel aus dem 15. Jahrhundert, sowie eine der ersten gedruckten Bibeln aus dem Jahre 1462. Die barocke Pracht stellt auf jeden Fall alle anderen Gebäude der Universität in den Schatten. Drei hohe, miteinander verbundene Säle bilden eine der schönsten Bibliotheken der Welt.

Die alten Gebäude der Universität waren früher der Königspalast, sie sind hufeisenförmig um den „Parco das Escolas“ angelegt. Von diesem Park hat man einen wundervollen Blick auf die Altstadt und den Fluss. Eine riesige Statue von König João thront auf der südlichen Seite des Platzes. Er war es, der 1537 per Dekret den Standort Coimbras für die Universität festlegte – davor wurde dieser einige Male zwischen Lissabon und Coimbra hin- und herverlegt.

Unsere Führerin Sara Cruz von „Go walks Portugal“ hat in Coimbra studiert. Wir wollen wissen, was es in der Stadt für studentische Traditionen gibt. Sara nennt uns einige Beispiele: Die Studenten des ersten Jahres, die „Schafsköpfe“, müssen sich einen Paten oder eine Patin aus den höheren Semestern suchen. Wer einen Paten hat, muss zu Beginn des ersten Jahres mit einer Blechdose am Bein durch die Stadt marschieren, was auf dem Kopfsteinpflaster einen Höllenlärm verursacht. Im zweiten Jahr zeigen sie, dass sie ihre Hörner abgestoßen haben, weshalb sie ihren Kopf mit Jodtinktur und Verbänden zieren.“ Sara schmunzelt „Gottlob sind´s nur die Hörner!“

Die Universität von Coimbra besitzt heute acht Fakultäten. Jeder Fakultät ist eine Farbe zugeordnet, die die einzelnen Studenten durch farbige Bänder identifizieren. Trägt ein Student beispielsweise ein rotes Band, so gibt er sich als Student der Rechtswissenschaften zu erkennen; ein gelbes Band signalisiert Medizin. Sara erzählt uns auch dazu eine Geschichte: „Von Beginn ihres Studiums an tragen die Studenten ein farbiges Band ihrer Fakultätszugehörigkeit im Knopfloch. Im vorletzten Jahr ihrer Studien verbrennen die Studenten das Band in einer Art überdimensionalem Nachttopf vor der Sé Nova, der neuen Kathedrale. Danach, im letzten Jahr, heften sie vier neue, etwas breitere Bänder an ihre Mappe, immer noch in der Farbe ihres Faches. Das erste Band steht für einen Professor, das zweite für einen Studienkollegen, das dritte für einen Freund außerhalb des Jahrgangs, das vierte schließlich für die oder den Geliebte(n). Zu Ende des letzten Jahres lässt man jede der einzelnen Personen sich auf dem ihr zugedachten Band verewigen.

Sara will uns noch zeigen, weshalb Coimbra auch die Hauptstadt der Romantik genannt wird – wir verlassen die engen Gassen der Altstadt und kreuzen den Fluss Mondego über die „Perdro e Inês“ Brücke zur Quinta das Lagrimas (Haus der Tränen). Hier liegt im romantischen, mit alten Bäumen bewachsenen Park der „Fonte dos Amores“ in einer gotischen Ruine. Klar fliesst das Wasser unter den grossen Steinen in den Brunnen der Liebenden. Nur eine einzelne Stelle ist blutrot verfärbt. Sara seufzt traurig „Hier wurde Inês im Auftrag ihres Quasi-Schwiegervaters von drei Meuchelmördern erdolcht. Das ist zwar schon mehr als 650 Jahr her, aber der Brunnen erinnert sich immer noch an diesen grausigen Tag. Und auch Inês ist seitdem noch nicht richtig zur Ruhe gekommen, denn manchmal sieht man sie hier nachts durch die alten Bäume streifen.

Bei der „Pedro & Inês – Tales of Love Tour“ führt Sara Cruz die Besucher zu den Schauplätzen dieser tragischen Liebesgeschichte, die so traurig und brutal, aber auch romantisch ist, dass daneben sogar Julia und Romeo irgendwie blass erscheinen. Die Kurzfassung der im 14. Jahrhundert tatsächlich geschehenen Ereignisse: Es war einmal ein portugiesischer Thronfolger genannt Pedro, der verliebte sich unsterblich in die aus Galizien stammende Hofdame seiner Frau, Inês de Castro. Der Vater Pedros, König Afonso IV, war gegen diese Verbindung und zwang Inês, das Land zu verlassen. Nach dem Tod seiner Frau ließ Pedro seine Geliebte zurückkommen und lebte mit ihr in den damaligen Gebäuden der Quinta das Lagrimas, wo sie ihm drei Kinder gebar. Da man am portugiesischen Hof befürchtete, Kastilien könnte durch die Thronfolge dieser Kinder an Macht gewinnen und Portugals Unabhängigkeit gefährden, wurde Inês wegen Hochverrats angeklagt. König Afonso IV ließ sie 1355 hier am „Fonte des Amores“ durch gedungene Mörder hinrichten. Pedro schwor Rache, es kam zum Bürgerkrieg. Nach seiner Thronbesteigung ließ er zwei der Henker foltern und öffentlich hinrichten, indem er ihnen bei lebendigem Leib die Herzen herausreißen ließ. Deshalb trug er den Beinamen "Peter der Grausame". So viel zu den Fakten - die Legende besagt, dass Pedro den Leichnam seiner Geliebten in die Kathedrale „Sé Velha“ bringen ließ, um ihn posthum krönen zu lassen. Der gesamte Hofstaat musste die Hand der Toten küssen. Bei all der Grausamkeit hat auch diese Geschichte ein romantisches Ende: Pedro liess für sich und Inês im Kloster von Alcobaca zwei prunkvolle Sarkophage so aufstellen, dass sich die beiden Liebenden am Tag des jüngsten Gerichtes – bei ihrer Auferstehung – sofort in die Augen schauen werden.

Info:

Visitportugal.com bietet eine gute Übersicht über Dinge, die man in Portugal erleben kann.

Hinkommen:

Coimbra liegt mit dem Auto eine Stunde von Porto und zwei Stunden von Lissabon entfernt. Günstige Flüge nach Porto gibt es beispielsweise mit Ryanair von Karlsruhe/Baden-Baden ab 70 €. Ab Ende Oktober fliegt Ryanair aus Karlsruhe auch Lissabon an. www.ryanair.com

Eine gute Auswahl an Mietwagen gibt es unter: www.billiger-mietwagen.de

Erleben:

Go Walks Portugal bietet verschiedene thematische Spaziergänge rund um Coimbra an. Die „PEDRO & INÊS * TALES OF LOVE TOUR“ dauert zwei Stunden und kostet pro Person 25 €. gowalksportugal.com, booking@gowalksportugal.com, Tel: +351 910 163 118

Den schönsten Blick auf die Stadt hat man vom Mosteiro de Santa Clara-a-Velha auf der südlichen Seite des Flusses.

Schlafen:

Das Hotel Quinta das Lagrimas gehört zu den Small Luxury Hotels und liegt in einem 12 ha grossen, wunderschön angelegten Park auf der südlichen Seite des Flusses. Hier sollen Inês und Pedro ihre glücklichen Jahre verbracht haben, und angeblich wurde Inês hier auch ermordet. Rua António Augusto Gonçalves, 3041-901 Coimbra, Tel: +351 239 802 380, https://www.quintadaslagrimas.pt/de/. Doppelzimmer mit Frühstück ab 165 €.

Die sehr geschmackvoll eingerichteten Ferienwohnungen der „Casas Da Alta De Coimbra“ liegen ganz in der Nähe der Universität, die man auch von der Dachterrasse sehen kann. Ab 75 € Apartment für 4 Personen. Rua Doutor António José De Almeida, Nº 110 E 112, www.casasdaalta.com/en/, reservations@casasdaalta.com, Tel: +351239051882

Das Hotel Moderna ist recht schlicht, aber sauber, ruhig und zentral gelegen.

Wer sich nicht gross im Zimmer aufhalten will, sondern eher die Stadt erkundet, ist hier absolut richtig. Doppelzimmer mit Frühstück ab 50 €.

R. Adelino Veiga 49, 3000 Coimbra, Portugal, Telefon: +351 239 825 413

Essen:

Das Restaurant "A Cozinha da Maria“ ist in einer kleinen Seitengasse direkt in der Altstadt. Das urige Restaurant bietet typisch portugiesische Küche, auf Wunsch auch vegetarische Speisen. Die Kellner waren super nett, das Essen lecker, der Wein hervorragend und das Alles auch noch günstig - was will man mehr?

R. das Azeiteiras 65, 3000-066 Coimbra, Tel: +351 239 840 034

Den besten Blick über Coimbra bietet das Restaurant „Loggia“, welches sich direkt im Nationalmuseum befindet. Von der am Berg gelegenen Terrasse hat man einen wunderbaren Blick über die Altstadt bis hinunter zum Fluss. Museu Nacional de Machado de Castro, Largo Dr. José Rodrigues. Tel: +351 239 853 076, info@loggia.pt, http://www.loggia.pt

#Coimbra #Portugal #JohaninischeBibliothek