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Matera – Biblische (Film-) Kulisse


​Meine Grundschulfreundin Uli hat mich schon mehr als einmal im Leben vor Neid erblassen lassen: in der Grundschule, weil sie bessere Noten schrieb; nach dem Studium, da sie - während ich im kalten England hockte - in Florenz fröhlich Architektur studierte; und kürzlich, als sie anfing, in Süditalien – genauer gesagt in der Region Basilikata (www.basilikata.net), der Sohle des Stiefels – alte Paläste zu restaurieren.

Nun soll man ja nicht nachtragend sein, und so mache ich mich auf, um sie im gelobten Land zu besuchen. Mit ziemlicher Verblüffung muss ich feststellen, dass „gelobtes Land“ genau der richtige Ausdruck ist. Kaum zeigt sie mir die Stadt Matera, bin ich mir nicht sicher, ob wir uns nicht sehr, sehr weit verlaufen haben: ich sehe das alte Jerusalem und keine Kleinstadt in Italien!

​Eine tiefe Schlucht zerschneidet ein steiles Tal – während die eine Seite karg, felsig und völlig unverbaut in der Sonne dörrt, haben sich auf der anderen Seite des Flusses tausende von kleinen Steinhäuschen in, unter und über den Felsen gegraben, getürmt und aufgebaut. Auf den ersten Blick kann ich kaum unterscheiden, ob es sich um Natur oder Gebäude handelt – der Berg ist von Höhlen durchzogen. Die Stadt sieht aus, als könnte jederzeit eine Römerpatrouille à la Asterix um die Ecke biegen.

Scheinbar bin ich nicht die Einzige, die sofort an die perfekte Filmkulisse denkt: Matera war der Hintergrund für Mel Gibsons blutige Kreuzigung in seinem Film „Die Passion Christi“ (inzwischen kann man dazu sogar über Sassiweb.com entsprechende Führungen buchen). Auch Paolo Pasolini fand hier die perfekten Bedingungen für sein „Evangelium nach Matthäus“.

Kein Wunder: das Panorama ist unverfälscht – keine hässlichen Häuser, keine breiten Strassen und damit auch keine Autos, die den Blick in eine andere Zeit trüben.

Weltweit gelten die Sassi (Höhlenbehausungen) als ein außer­ge­wöhn­liches Beispiel menschlicher Bewohnung. Bereits seit der Jungsteinzeit ist das Gebiet besiedelt und somit eine der ältesten Städte der Erde. "Matera ist der einzige Ort auf der Welt, in dem Be­woh­ner behaupten können, dass sie in den gleichen Häusern wohnen, in denen ihre Ahnen bereits vor 9.000 Jahren lebten" zitiert Uli den bekannten eng­lischen Reiseführer Fodor's.

​Über die Jahrtausende ist ein Gewirr von kleinen Gassen, Plätzen, Höhlen, Felsenkirchen und Kellern entstanden, die bis in die Tiefen der Erde hinabreichen. Die Dächer werden als Böden für die darüberliegenden Wohnungen oder als Pfade ge­nutzt. Hinter jeder Tür entdeckt man ein neues architektonisches Wunder – was von aussen wie eine kleine Höhle aussieht, verzweigt sich innen in viele in den Berg gegrabene Kammern. Wer in den Sassi spazieren geht, trifft oft auf Schorn­stei­ne, die aus dem Boden emporsteigen – das einzige Zeichen, dass der Weg gerade über einem Dach verläuft.

Bis 1950 lebten hier noch Bewohner unter primitivsten Bedingungen zusammen mit ihren Haustieren inmitten der in den Tuffstein geschlagenen Behausungen.

Nicht sehr zeitgemäß und schlecht für das Bild eines Landes, das dem aufstrebenden Tourismus Modernität demonstrieren wollte.

Folglich wurden die Bewohner der „nationalen Schande“ umgesiedelt, seit den 70ern werden die Sassi renoviert, 1993 wurden sie zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt und nun sind sie verdientermaßen nicht nur Filmkulisse, sondern auch eine Touristenattraktion. Krönung der steilen Karriere wäre die Wahl zur Kulturhauptstadt 2019 – für die Matera eine der Kandidaten ist.

Heute zieht Matera Tausende von Forschern, Küns­tlern und Touristen in ihren Bann. So lohnt sich nicht nur ein Besuch der Kir­chen Santa Lucia und Madonna delle Tre Porte; auch die zahlreichen Fresken und Kapellen, mit denen die früher in den Sassi ansässigen Mönche die Höhlenwohnungen ausstatteten, laden zu einer Besichtigung ein.

Der Stadtplan, den man in jeder Unterkunft in die Hand gedrückt bekommt, enthält einige gute Vorschläge zu Stadtrundgängen. Dennoch lohnt es sich, auch ohne festen Plan auf Entdeckungsreise zu gehen: Neben einigen besichtigungswürdigen Höhlenbehausungen gibt es auch dutzende Felsenkirchen in der Stadt, hunderte im gesamten Gebiet. Und dann die „normalen“ Kirchen – von der romanischen Kathedrale und der Kirche von San Giovanni zu der barocken Kirche von San Francesco und dem Purgatorio beitet das Stadtbild auf engstem Raum ein entzückendes Bild nach dem anderen. Glücklicherweise gibt es auch zauberhafte kleine Cafés und Restaurants mit spektakulärer Aussicht, um die Füsse hochzulegen und grossartiges Essen mit lokalem Wein hinunterzuspüeln, ob des Neids über einen solchen Wohnort.

Hinkommen:

Ryainair bietet mit den üblichen Schikanen Flüge um die 60€ von Karlsruhe nach Bari an. Ab Frankfurt fliegt beispielsweise Alitalia täglich, Kosten je nach Reisezeit um die 180€.

Von Bari bis nach Matera sind es knapp 60 Kilometer. Entweder mietet man einen Mietwagen ab ca. 50€ für 3 Tage bei beispielsweise www.billiger-mietwagen.de, oder man fährt sehr günstig mit dem Flughafenbus für 6€ pro Fahrt - zu buchen beispielsweise über https://www.checkmybus.de – dieser braucht 90 Minuten, fährt aber leider (je nach Saison) nur zwei bis vier Mal täglich.

Über sassiweb.it kann man auch einen individuellen Shuttle bestellen, dieser kostet pro Fahrt 65€ für zwei Personen (Mobil +39 334 1054477).

Parken ist in Matera nicht unproblematisch, da man die meisten Unterkünfte nur über ein Gewirr von steilen Gassen erreicht – am besten fragt man schon bei der Buchung, wie man am besten zur Unterkunft kommt und wo sich die nächsten Parkmöglichkeiten befinden. Zumeist wird man vom Parkplatz zu Fuss abgeholt und durch die Gassen geleitet.

Schlafen:

Ein Wohnerlebnis der anderen Art erwartet den Reisenden im Sextantio Le Grotte della Civita (Via Civita, 28, Tel: +39 0835 332744, www.sextantio.it). Die Zimmer sind in den Höhlen der Sassi untergebracht. Mit ihrem archaischen Charme ziehen die Zimmer des ungewöhnlichen 4 Sterne Hotels den Gast sofort in ihren Bann. Ebenso atemberaubend wie die geräumigen Höhlenzimmer selbst ist ihr Blick über die angrenzende Gravina-Schlucht. Billig ist diese Zeitreise nicht unbedingt: Das günstigste Höhlendoppelzimmer mit Frühstück kostet um die 160€.

Für den kleineren Geldbeutel - an der zentral gelegenen Piazza del Sedile, dem Platz überhalb der Altstadt, bietet das B&B Residenza dei Suoni (Piazza del Sedile, 17, Tel: +39 0835 33700, www.residenzadeisuoni.com) elegante Zimmer mit Holzböden. Durch einen kleinen Durchgang am Ende des Platzes erreicht man sofort die jahrtausendealten Sassi.

Doppelzimmer mit Frühstück kosten um die 90€.

Essen:

PANECOTTO (Vico Bruno Buozzi, 10, Sasso Caveoso – Matera, Tel. +39-835 331325, www.panecotto.it) verbindet soziales Engagement, traditionelles Handwerk, regionale Produkte und leckeres Essen in einer kleinen Grotte in der man nicht nur leckere Antipasti essen kann, sondern auch Lebensmittel erwerben kann. Reservierung empfohlen.

Die Trattoria Lucana (Via Lucana, 48, Tel:+39 0835 336117, http://www.trattorialucana.it) war während der Dreharbeiten zu "Passion Christi" Mel Gibsons Lieblingrestaurant.

Stadtführungen:

Sassiweb.com (Via XX Settembre 9, Tel: +39 0835 334033, Öffnungszeiten Montag-Freitag 9-13 und 16-20 Uhr, Samstags nur 9-13 Uhr) bietet verschiedene klassische Stadtführungen, die Passion Christi-Tour und Wanderungen rund um Matera (auch mit deutschsprachigem Reiseführer) an.

Die absolut lohnende dreistündige Stadttour für bis zu 10 Personen kostet beispielsweise 80 Euro.

#Italien #Matera #Höhlenstadt #Basilikata