• Wibke

Whales on the rocks


Foto Expedicion Fitzroy - Ich musste ja nach dem Wal schauen :;)!

Ich stehe an Deck der M/N Forest. Um mich herum ist es stockdunkel, nur vereinzelt blitzen Sterne durch die tiefhängenden Wolken. Vage kann ich die Berge und das Meer ausmachen, ich lausche angespannt in die Nacht. Das Wasser schwappt in dem geschützten Fjord leise an den metallenen Bootsrumpf – ansonsten absolute Stille. Hier an der Südwestküste Chiles, weitab jeglicher Zivilisation in den Fjorden Patagoniens, gibt es nichts als Natur. Nichts, was die Ruhe stören könnte. Plötzlich höre ich es ganz nah bei mir: ein Geräusch, als würde mit viel Druck eine Wasserfontäne in die Luft geschossen werden. Das Plätschern am Boot wird durch die Bewegung im Meer lauter. Noch mehr Atemfontänen werden in die Luft geblasen - auch in der Nacht schwimmen die Wale ganz nah am Boot vorbei.

Klicke auf das erste Bild um die Fotostrecke zu starten:

Ich weiss auch nicht ganz genau, was für mich den Zauber der Wale ausmacht. Vielleicht der StarTrek Kinofilm, in dem Raumschiffkapitän Kirk und sein erster Offizier Spock in die Vergangenheit reisen müssen um Buckelwale zu finden, die mit ihrem Walgesang als einzige Lebewesen die Welt in der Zukunft retten können … oder lag es am Biolehrer während der Schulzeit, der uns einen Blauwal in Originalgröße auf den Schulhof malen ließ? Unsere gesamte Klasse - damals immerhin 30 15-jährige Schüler - konnte sich bequem auf das riesige Walgemälde legen, ohne dass es auch nur eng wurde.

Und so habe ich schon überall auf der Welt nach Walen gesucht – in Afrika, Neuseeland, Hawaii, oder Sri Lanka, um nur einige Orte zu nennen. Natürlich habe ich auch schon welche gesehen, auf den berühmt-berüchtigten ‚Whale-Watching‘ Bootsexkursionen; ganz kurz in der Ferne aus dem Wasser auftauchend, es brauchte gute Augen und schnelle Reaktionen, um sie zu erkennen. Sobald es den Walen mit all den Touristen und Schiffen zu bunt wurde, sind die cleveren Meeresriesen einfach abgetaucht. So war die Euphorie immer nur flüchtig und mein Wunsch, diese Giganten näher zu sehen, ziemlich unbefriedigt.

Vor einigen Jahren haben chilenische Meeresforscher eine Gruppe von Walen in den Fjorden nahe der Magellanstraße entdeckt. Eigentlich reisen alle Wale gemeinsam vom Äquator in die Antarktis, aber aus irgendeinem Grund gibt es einige, die hier bleiben, während die anderen ihre Reise in den Süden fortsetzen. Es ist ein ungeklärtes Phänomen, an dem die Wissenschaftler noch forschen. Fakt ist, dass dies der einzige Ort in der südlichen Hemisphäre ist, an den Buckelwale außerhalb der Antarktis zum Krill fressen kommen – ein geheimer, fast unbekannter Zufluchtsort.

2003 wurde hier das erste chilenische Marineschutzgebiet gegründet. Denn nicht nur Buckelwale, sondern auch Orcas, Minkwale, Seelöwen, See-Elefanten, Pinguine, Petrele und Kormorane wissen die abgelegene Inselwelt zwischen Patagonien und Feuerland zu schätzen. Der Park ist so unbekannt, dass noch nicht mal das allwissende Wikipedia einen Treffer dazu auswirft.

Kein Wunder also, dass es momentan nur zwei Veranstalter gibt, die Touristen für zwei oder drei Tage in die Fjorde rund um die Insel Carlos IV bringen, wo die meisten Tiere gesichtet werden können.

Unser Boot war um 18:00 Uhr in der Nähe von Punta Arenas zu der achtstündigen Fahrt aufgebrochen. Am Kap Froward haben wir die südlichste Spitze des chilenischen Festlandes umrundet und kreuzten dann weiter durch die labyrinthartige Fjordlandschaft Patagoniens – kein Wunder, dass hier über die Jahrhunderte mehrere Boote verschwanden … ohne GPS-Navigation wäre das auch heute noch ein Heldenstück! Unsere Kajüte auf dem Boot war mit ‚Expedicionarios‘ (Expeditionsteilnehmer) und dann mit unseren Namen versehen. Nur 13 Mann (und Frau) tummeln sich auf dem Boot, zuzüglich der Besatzung natürlich. Die meisten gehören zu einer Incentive Reise einer chilenischen Firma. Nach reichlich Zuspruch an der Schiffsbar – Getränke sind im Preis inbegriffen – und ein bisschen Karaoke war relativ schnell Ruhe an Bord eingekehrt. Nur die Motoren, die uns noch näher an unser Ziel schippern, stampfen konstant vor sich hin. Wahrscheinlich bin ich davon aufgewacht, als diese mitten in der Nacht ausgestellt wurden, und so bin ich leise an Deck geschlichen, um schon mal nach Walen zu lauschen.

Zwar ist im Dezember in Südchile Hochsommer, aber so weitab des Äquators bedeutet das nicht allzu viel – am nächsten Morgen fegt ein Schneesturm um das Boot und wir können kaum die Hand vor den Augen sehen. Unseren englischsprachigen Guide Francesco scheint das nicht gross zu stören. Er hebt einen Windmesser in die Luft und gibt der Besatzung ein Zeichen, die Zodiacs für unseren Landausflug klar zu machen: Inzwischen haben wir immerhin sommerliche 8 Grad und Windgeschwindigkeiten von ca. 80 km/h. Die Crew verteilt Ölzeug und Gummistiefel.

Mit all meinen Kleiderschichten sehe ich aus wie ein orangefarbener Mini-Wal, aber wenigstens pfeift der Wind nicht mehr durch die Kleider.

Endlich reissen die Wolken auf, und so sehen wir zum ersten Mal den Santa Ines Gletscher, der sich unaufhaltsam über und an den Felsen vorbei in zwei mächtigen Zungen zum Meer geschoben hat. Von unseren Zodiacs aus sieht die hohe, hellblaue Wand beeindruckend aus. Prompt löst sich ein riesiger Eisbrocken und poltert mit viel Getöse, vom erbosten Geschrei der Vögel begleitet, in das Wasser. Um uns herum schwimmen Eiswürfel in verschiedensten Grössen und Farbschattierungen. Glücklicherweise sind unsere kleinen Beiboote wendiger als die Titanic, und so erreichen wir ohne Zwischenfälle den Kieselstrand vor dem Gletscher. Francesco zaubert eine Flasche Whiskey und Becher aus seiner Tasche und wir trotzen morgens Wind und Wetter mit unserem Whiskey auf Gletschereiswürfel! Die auf den Felsen nistenden Kormorane schauen uns interessiert bei unserem Gelage zu. Als unsere kleinen Boote weiterziehen, schaut ein Seelöwe verschlafen aus einer Felsspalte und Pinguine watscheln vom Ufer ins Meer, um dann ihren unbeholfenen Landgang durch ihre eleganten Schwimmkünste wettzumachen. Die Landschaft ist völlig unberührt – kein Haus, kein Weg, kein Geräusch. Nur Tiere, die uns interessiert anlinsen. Die Berge schimmern je nach Licht in Smaragdgrün oder olivbraun, einige sind schneebedeckt. Über ihnen kreist majestätisch der König der südamerikanischen Lüfte – der Kondor.

Zurück an Bord, mit lebensrettendem Glühwein ausgestattet, verlassen wir die vielen engen Buchten, um endlich auch bei Tageslicht Wale zu sehen. Bei jedem Seehund stürmen alle Passagiere an Deck, um ihn mit einem lauten Ah und Oh zu feiern. Die Armen – sie wissen wohl, dass ihre Show nur von kurzer Dauer ist. Sobald der erste Wal in der Ferne an seiner Wasserfontäne erkannt wird, hat keiner mehr Augen für etwas anderes. Im Gegensatz zu meinen anderen Walfahrten jagt der Kapitän aber nicht der Fontäne hinterher, sondern drosselt stattdessen das Schiff, so dass es ruhig im Wasser liegt. Francesco grinst nur, als wir ihn empört anschauen: „Die Wale kommen hier von alleine – ihr müsst nur warten“. Kaum hat er ausgesprochen, hören wir einen Wal atmen … schon viel näher. Alle Passagiere starren mit gespannter Vorfreude auf das Wasser, wie sonst nur kleine Kinder auf den Weihnachtsbaum. Auf der anderen Seite erscheint ein zweiter Wal. Mit einer seelenruhigen Eleganz lässt er seine Rückenfinne durch die Wasseroberfläche gleiten. Steuerbord ertönt eine neue Wasserfontäne – dieses Mal nur 10 Meter vom Boot entfernt. ​

Klicke auf das erste Bild um die Fotostrecke zu starten:

Vor Freude jubelnd rennen wir hinüber und verpassen dabei fast, wie der Wal auf der anderen Seite in einer wunderschönen Abrollbewegung seine Schwanzflosse aus dem Wasser hebt. Francesco macht wie wild Bilder. Die Musterung auf der Heckflosse, erklärt er uns später, ist für Wale ein Identifizierungsmerkmal wie für uns der Fingerabdruck. An Bord ist ein dickes Buch von über 120 verschiedenen Schwanzflossen-Fotos. Anhand dieser Bilder können die Wissenschaftler Informationen mit den Meeresbiologen in Kolumbien – dem Überwinterungsort dieser Buckelwale – austauschen: welcher Wal wandert wann wohin, hat er Junge bekommen; das sind nur einige der Punkte, die interessant sind. „Schaut mal, ein Junges, das ist neu“ ruft Francesco und deutet auf ein immerhin schon fünf Meter langes graues, rundes Etwas, das sich vor unseren Augen im Meer rollt. Wir können die weissen Flossen unter der Wasseroberfläche sehen, aber da legt es sich auch schon zur Seite und wedelt ein bisschen in der Luft. Unter wildem Getöse kreiselt es noch einmal um die eigene Achse, um dann abzutauchen. Enttäuscht ob dem Ende der Show starren wir auf das Wasser. Mit einer lauten Wasserfontäne taucht es just in diesem Moment auf der anderen Seite des Bootes wieder auf – gerade so, als hätte es eine Menge Spass an diesem Versteckspiel. Mehr als zehn Wale plantschen zwischenzeitlich um das Schiff – manche verspielt mit viel Wasserwirbel, andere sehr elegant schwimmend. Es regnet, es schneit, die Sonne scheint, Regenbogen verzaubern die Fjorde in einen magischen Ort, bevor es wieder aus Kübeln schüttet und eisiger Wind uns von Deck vertreiben will (erfolglos). Stundenlang schauen wir dem Spektakel zu, ohne eine Sekunde müde zu werden. Ich mache unzählige Fotos, da ich denke, dass die Wale bestimmt gleich abtauchen und weg sind. Aber sie bleiben … und fast scheint es, als würde ihnen unsere Gesellschaft genauso viel Spass machen, wie uns die ihrige.

Weitere Auskünfte:

www.chile.travel/de gibt allgemeine Auskünfte über das Reiseziel Chile.

Anreise:

LAN Chile fliegt täglich von Frankfurt über Santiago de Chile nach Punta Arenas.

www.lan.com

Ein Zwischenstopp in der Hauptstadt ist auf jeden Fall auch empfehlenswert.

Tour:

Im Francisco Coloane Marine Park besteht zwischen Dezember und April eine sehr gute Chance, Wale zu sichten. Da nur zwei Veranstalter diese Tour anbieten, empfiehlt es sich, weit im Voraus zu buchen.

Bei der oben beschriebenen Bootstour des Anbieters Expedicion Fitzroy wird in Kajüten direkt an Bord geschlafen.

Tel +56-96491773, info@expedicionfitzroy.com, https://expedicionfitzroy.com

WhaleSoundist ein weiterer Veranstalter, der die Walbeobachtung in diesem Nationalpark anbietet. Hier wird auch in einem Camp auf einer Insel übernachtet. www.whalesound.com, Tel +56-98879814

Schlafen Punta Arenas:

In Punta Arenas empfiehlt sich Hospedaje Magallanes, Magallanes 570, Punta Arenas, Tel: +56-61-222 8616, reservas@hospedaje-magallanes.com, http://hospedaje-magallanes.com/

Das günstige Bed & Breakfast wird von einem sehr hilfsbereiten, deutsch-chilenischen Paar geführt, über die man auch diese Tour buchen kann.

Essen Punta Arenas:

La Mesita Grande hat uns so gut gefallen, dass wir gleich ein paar Mal zum Pizza essen kamen. Im Gegensatz zu den in Chile sonst üblichen sehr teigigen und käsigen Pizzen, schmeckt es hier wie in Bella Italia.‪ O'Higgins 1001, Punta Arenas 6201099, Tel: +56 61 224 4312‬, http://www.mesitagrande.cl/alacarte/carta-en-pdf/

#FranciscoColoaneMarinePark #WhaleWatching #Chile