• Wibke

Madeira 2 - Soll ich eine Jeep Tour machen?

Aktualisiert: 30. Dez. 2021

„Eine nachhaltige Jeep-Tour, wie bitte soll denn das gehen?“
Jeep-Tour Madeira

frage ich mich, aber letztendlich lass ich mich doch dazu überreden. Denn grundsätzlich finde ich den Gedanken, dass uns am ersten Tag ein Guide die gesammelten Highlights der Insel zeigt und angeblich auch noch Plätze, an die wir alleine niiiiiiiiiieeeee hinkommen würden, ganz charmant.

Charmant ist unser Guide Rui Silva auf jeden Fall auch. Schon als er uns das erste Mal verschmitzt anlächelt ist irgendwie klar, dass er sympathisch ist. Eigentlich wollte er Rallye Fahrer werden, aber leider hat es privat nur für einen klapprigen R4 gelangt - aber wenigstens bei seinem Arbeitgeber True Spirit darf er einen Landrover fahren. Wir sind ausreichend vorgewarnt und schnallen uns vorsichtshalber extra sicher an.

Sonnenaufgang über den Bergen

Los geht es in die Berge, die gerade vom ersten Sonnenlicht gestreift werden. Irgendwo kurz hinter dem Miradouro da Encumeada biegt er rechts von der Landstraße ab. Hier wäre eine private Ausfahrt zu Ende, denn das Tor ist verschlossen und erst nach einem kurzen Anruf erscheint Roche da Silva himself. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, was wir für ein Glück haben, diesen grauhaarigen, freundlichen Herren zu treffen. Erst als wir seinem Wagen folgen, verrät uns Rui, dass Senor da Silva vor seiner Rente der Chef des IFCN (Institut für Wald und Naturschutz) war. „Wisst ihr …wenn wir während des Studiums mit Leuten wie ihm Exkursionen machen durften, dann war das wirklich ein Highlight! Es war mir immer eine große Ehre, von Senor da Silva etwas lernen zu dürfen.“ Diese Ehrfurcht sollten wir bei anderen Guides genau so wieder erleben – da Silva ist überall hochgeschätzt. Wie auch immer, wir fühlen uns auf jeden Fall auch geehrt. „Hier, mitten im uralten Lorbeerwald, stand ursprünglich mal das Bauernhaus meiner Eltern“, erzählt uns Roche da Silva.

„Die Lebensumstände waren noch in den 60ern sehr rückständig. Könnt ihr euch vorstellen, die Leute haben in minikleinen Hütten in der Hocke geschlafen, weil nicht genug Platz war.“
Roche da Silva ist der Herr des Waldes

So ist es kein Wunder, dass die Menschen nach Funchal abgewandert sind. 75% der Bevölkerung wohnt inzwischen in der Inselhauptstadt, obwohl die EU-subventionierten Tunnel die Reisezeiten extrem verkürzt haben. „Früher waren die Bauern tagelang unterwegs, um von hier nach Funchal zu kommen. Um ehrlich zu sein, die meisten haben ihr Tal nie verlassen.“ Gemeinsam laufen wir in den dicht bewachsenen Wald. Von dicken Flechten behangene Lorbeerbäume, Farne und Pilze wachsen am Wegesrand. „Schon als kleiner Junge wollte ich auf jeden Fall eine Arbeit haben, die etwas mit dem Wald zu tun hat.“ Er lacht: „Meine Mutter war dagegen. Sie meinte, damit kann man kein Geld verdienen.“ Nach ca. 15 Minuten hören wir das Wasserrauschen, dass uns seit dem Anfang der Wanderung begleitet hat, immer lauter. Vor uns rauscht ein Wasserfall von ungefähr 30 Metern hinab in einen Pool zu unseren Füssen. Und … wir sind tatsächlich ganz alleine. Unser erster Wasserfall auf Madeira und noch dazu mit so interessanter Begleitung. Das ist wirklich ein Highlight. Wir durchlöchern Herrn da Silva mit unseren Fragen und so verbringen wir mehrere Stunden mit ihm im Dschungel. Er verbindet tiefste Kenntnisse mit historischen Erfahrungen und seine freundliche Art macht jedes Gespräch mit ihm interessant und unterhaltend. Wir beginnen die Hochachtung der Guides zu verstehen.

Diesen Urwald, der ursprünglich mal ganz Europa überzogen hat, gibt es nur noch hier, auf den Kanaren und an der Westküste Afrikas

Der Inselname Madeira kommt aus dem Portugiesischen und bedeutet Holz. Denn die ganze Insel war vor der Ankunft der ersten Siedler komplett bewaldet.


Diese Siedler zündeten den dichten Lorbeerwald an, um Ackerland zu erschaffen – angeblich hat die Insel 7 Jahre gebrannt.

Bei dem Gedanken kommen mir fast Tränen – Nur noch 15ha des ursprünglichen Waldes sind auf Madeira erhalten und seit 1999 von der Unesco geschützt. „Aber warum ist der Wald so wichtig?“ wollen wir wissen. „Ein grosser Anteil des Wassers wird nicht im Boden, sondern in Flechten, Blättern, Moosen und der Heide gespeichert – damit ist der Wald das wichtigste Wasserreservoir. Und tatsächlich glitzern in den Flechten Tausende von kleinen Wassertropfen, wie Diamanten. Schweren Herzens verlassen wir Herrn da Silva – lustigerweise heisst Silva auf portugiesisch Urwald


Rui hat inzwischen seinen Plan angepasst – wir sind nämlich „etwas“ in Verzug :;) Nächster Halt ist ein Kalksteinwerk. Hier will er uns zeigen, wie mühsam die Arbeit früher war. Weiter geht es entlang einiger Offroad Strassen. Eine grosse Pfütze eignet sich hier perfekt als Fotomotiv. Rui lässt sich nicht zwei Mal Bitten und bläst in bester Rallyefahrer Manier einmal durch. Nachsehen hat mein Freund, der oben aus dem Verdeckt schaute und jetzt pitsch patsch nass ist …

Danach kommt etwas Kulinarisches: Madeira ist ja vor Allem für Madeira Wein bekannt. Die Quinta do Barbusano ist allerdings das größte Weingut für Tafelwein (https://www.facebook.com/quintadobarbusano/). Antonio Freitao und Orlando Silva (der dritte Mann mit diesem Nachnamen) führen uns durch die Weinberge. Besonderheit ist, dass es hier an der Nordküste relativ viel regnet und windig ist, deshalb wurden an einigen Stellen zusätzliche Windbrecher gepflanzt (oder aus alten Stämmen gebaut). Die Erde ist stark mineralisch, was wir bei der anschließenden Weinprobe mit Blick über die Weinberge bis hin zum Kirchturm, der übrigens auf den Weinetiketten verewigt ist, deutlich rausschmecken können. Kein schlechter Platz zur Verköstigung, aber wir haben Hunger!

Rui gibt uns die Wahl: Wir können Essen gehen, oder wir halten bei einem Bäcker und dafür können wir noch mehr anschauen. Die Entscheidung ist klar, oder? Mehr sehen!!!

Die Padaria do Calhau liegt direkt am Meer von São Vicente. Kaffee, Teilchen und Sandwiches sind so günstig, dass ich der netten Verkäuferin nochmal alles aufzähle, was wir gegessen und getrunken haben, damit sie sicher nichts vergessen hat.

So gestärkt fahren wir an der Nordküste entlang Richtung Westen. Die Landschaft ist der Hammer: Bizarre Felsformationen ragen in die tosende Brandung, die Klippen fallen steil ins Meer hinab und jede Biegung der Straße eröffnet neue grandiose Aussichten. Rui ist entspannt, auch wenn ich alle 2 Sekunden „Anhalten, Foto!“ rufe. Wir fahren durch mehrere der besagten Tunnel. Unser Guide grinst

„Madeira ist so durchlöchert wie ein Schweizer Käse – angeblich gibt es über 200 Tunnel!“

Nach unserer 10 tägigen Reise glauben wir ihm das sofort.

Natürliche Swimming-Pools in Porto Moniz

Nächstes Highlight sind die natürlichen Meerschwimmbäder in Porto Moniz am äußersten Nordwestzipfel der Insel. Selbst im Dezember ist das Wasser angenehm warm. Große Brecher rollen vom Meer heran und mit den Wellen wird das Wasser in den Pools ausgetauscht. Super, aber leider haben wir keine Badesachen dabei – welch doofer Anfängerfehler!!!

Wir sind von unserem Ausflug schon ganz begeistert, aber Rui hat noch einen Trumpf im Ärmel: der Posto Florestal Fanal. Sobald wir die Küste auf der ER209 verlassen, legt sich dichter Nebel über die Berge. Wir können sicher keine 50 Meter weit sehen. An einem Parkplatz steigen wir aus – ich sehe, dass der Parkplatz bei Google Maps „Feenwald“ heisst. Dieser anspruchsvolle Name ist hoch verdient, schon nach ein paar Metern von der Straße weg haben wir das Gefühl, durch ein magisches Tor gewandert und in einer anderen Welt gelandet zu sein.

Feenwaldt in Fanal
Fanal - Wilkommen bei Alice im Wunderland.

Jahrhundertealte Stinklorbeerbäume strecken ihre windschiefen Äste aus und greifen in den Nebel hinein. Die Welt sieht fast schwarz-weiss aus und wir fühlen uns wie in Watte gepackt – alles hört sich gedämpft an. „Der Hammer“ flüstere ich Rui zu - in so einem Wald kann man unmöglich laut sprechen – „fehlt nur noch ein „Einhorn.“ Rui schaut sich um: „Mhm schau' mal, das ist das Beste, das ich finde konnte“. Und tatsächlich, aus dem Nebel erscheint ein Tier mit Hörnern! Allerdings ist es bei genauerer Betrachtung eine Kuh. Klassischer Fall von „same, same, but different“. Wie verzaubert würde ich hier am liebsten Bleiben … durch den wabernden Nebel verändert sich die Landschaft ständig. Einem Fotografen, der in unserer Nähe steht, geht es ähnlich. Er weiss gar nicht, wo er anfangen soll mit dem Fotografieren und ist außer sich vor Entzücken. Seine kleine Tochter quengelt „Papa, können wir gehen!“. Aus dem Traum gerissen, raunzt er sie verzweifelt an „Ach, geh' doch zu McDonalds!“ Wir kichern und haben damit ein neues Code-Wort!

Rui Silva wäre lieber Rally driver

Unser Rückweg in die normale Welt führt uns über das 24 km² große und 1.640 m hohe Plateau Paul da Serra. Hier sollte ursprünglich der Flughafen gebaut werden, aber der Nebel war einfach (und offensichtlich!) zu dicht für regelmäßigen Flugverkehr. Die jetzige Location auf einer Trasse über dem Meer ist aber auch nicht von schlechten Eltern …

Nach Sonnenuntergang setzt uns Rui vor unserer Unterkunft ab. „Ich hätte Euch gerne noch den Cabo Girão Skywalk gezeigt, aber da sieht man jetzt nichts mehr.“


Meine Tipps zum Fliegen, Schlafen und Essen findet ihr in meinem ersten Madeira Blog.

Hier noch zwei Tipps zu dem beschriebenen Ausflug:

Anbieter

True Spirit Funchal - Madeira - Portugal Tel: +351 91 88 288 01

https://adventuremadeira.com/en/


Wer mitten im Wald wohnen möchte, kann sich in den Hütten von Roche da Silva einquartieren. Sie sind aber wirklich ziemlich ab vom Schuss und in den Bergen hält sich – vor Allem im Winter – der Nebel länger als an der Küste.

Casinhas da Laurissilva

ER228 Rosário-Encomeada Sitio da Ribeira Grande, 9240-220 São Vicente,

zum Beispiel booking.com, oder airbnb

Selbsversorgerhütte ab 60€