• Wibke

Ran an den Spargel – ein Selbstversuch

Der Wecker klingelt um 07:00, verwirrt schrecke ich aus dem Tiefschlaf. Seitdem das Corona-Virus mich aus dem Büro ins Home-Office verbannt hat, bin ich Frühaufstehen nicht mehr wirklich gewöhnt. Aber heute steht etwas ganz besonderes auf dem Programm: Spargelstechen!

Peter Hauk, Minister für ländlichen Raum und Verbraucherschutz hat höchstpersönlich einen Hilfeaufruf auf Facebook gepostet: „Erntehelfer gesucht!“ schrieb er und weiter „der Einsatz von Erntehelfern ist dringend notwendig, um die Versorgung der Menschen mit heimischen Lebensmitteln sicherzustellen. Bitte helfen sie mit, dass die Arbeit auf den Feldern gelingen kann.“

Wenn ich so nett gebeten werde, kann ich natürlich nicht Nein sagen, ziehe nach einer Woche zuhause das erste Mal wieder eine Jeans anstelle der Jogginghose an (sehr gut, sie passt noch) und fahre zum Arbeitsantritt auf den Hegehof.

Dieter Hege mit weissen Spargel

Zugegeben, ich bin in einer Doppelmission unterwegs: als Geheimwaffe habe ich noch meine Kamera und mein Notizbuch für diesen Artikel dabei.

Dieter Hege erwartet mich bereits am Hof. Skeptisch bewertet er den Stadtmenschen auf Landwirtschaftstauglichkeit. Schon mein Vater hatte mich gewarnt: „Spargelstechen kannst du nicht – das ist richtig harte Arbeit“. Herr Hege scheint ungefähr das gleiche Vertrauen in meine Fähigkeiten zu haben. „Zum Spargelstechen nehmen wir eigentlich nicht so gerne Deutsche, denen ist die Arbeit meist zu schwer.“ Das sollte er mal die AfD wissen lassen, die sich doch gerne beschweren, dass Ausländer den Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen. „Das Problem ist, dass wir nur den Mindestlohn von zur Zeit € 9,35 zahlen können, da Nahrungsmittel in Deutschland einfach zu billig sind.“ Dafür machen sich die meisten Deutschen nicht die Finger schmutzig, für Osteuropäer hingegen ist das noch gutes Geld. Das war natürlich vor der Corona-Krise, als die Wirtschaft florierte und es lukrative Jobs an jeder Ecke gab. Jetzt sind alle Läden, Kneipen, Restaurants, Unis und Kultureinrichtungen geschlossen, plötzlich stehen viele Leute ohne Verdienst und Beschäftigung da.



Da momentan die Landesgrenzen dicht sind, sollte das ja eine klassische Win-Win Situation sein: osteuropäische Erntehelfer fallen aus, lokale Menschen springen in die Bresche. Tatsächlich hat der Hegehof in der letzten Woche 350 Erntehelfer-Bewerbungen erhalten. „Eigentlich eine tolle Sache …“ freut sich Dieter Hege „…nur im Moment kämpfen wir als Familienbetrieb mit dem erhöhten Verwaltungsaufwand. Manche können nur an ein paar Tagen, andere dürfen nur ein paar Stunden arbeiten, da sie sonst eventuell ihren Kurzarbeiter-Status gefährden. Als kleiner Betrieb bedeutet die Koordinierungsarbeit und die Arbeitsplanung unter solchen Bedingungen einen enormen Zusatzaufwand!“

Grüne Tomaten - mit Magdalena Kücherer

Auch Magdalena Kücherer vom Gemüsebau Kücherer in Handschuhsheim, kennt dieses Problem. Eigentlich sucht ihr Betrieb noch Saisonkräfte für die Salat-, Gurken- und Tomatenernte, aber „für uns macht es eigentlich nur Sinn, wenn die Leute 5 Tage die Woche für täglich 8 Stunden kommen und auch ein paar Wochen durchhalten, sonst rentiert sich die Einarbeitungszeit gar nicht.“ Gerade am Anfang unterlaufen ungelernten Helfern noch viele Fehler, durch die Pflanzen beschädigt werden.

Sie führt mich in ein Tomatengewächshaus, in dem 40.000 Tomatenpflanzen jeden Tag gehegt und gepflegt werden müssen, lange bevor die Ernte anfängt.

Bekümmert zeigt sie mir mehrere Pflanzen, bei denen beim Hochbinden der Haupttrieb abgebrochen wurde – damit ist die Pflanze wertlos. Tomaten, Salat und Gurken müssen jedes Jahr neu gepflanzt werden, damit gehen die Landwirte schon im Februar in eine enorme finanzielle Vorleistung, wenn die Pflanzen gekauft werden. „Die Arbeit an sich kann jeder lernen, der willig ist. Sie ist anstrengend, aber machbar. Aber die Erntehelfer müssen verstehen, dass ihre Arbeit wichtig ist. Die meisten Leute denken – ach, auf dem Bauernhof, das kann jeder. Aber wenn man nicht sorgfältig arbeitet, entsteht für uns deutlich mehr Schaden als Nutzen“.


Lucian zeigt mir, wie man Spargel sticht.

Zurück auf dem Spargelhof: noch lasse ich mich nicht entmutigen, so schwierig kann das ja eigentlich nicht sein, oder? Normalerweise würde ich mit dem Mannschaftsbus auf das Feld fahren, aber in Zeiten von Corona kann so kein Mindestabstand garantiert werden – also fahre ich mit meinem eigenen Auto nach Hüttenfeld. Es ist noch früh im Jahr und die Spargelsaison beginnt gerade erst. Die Böden hier sind sandig und speichern die Wärme tagsüber viel besser, dadurch ist der Spargel auch schon weiter als der rund um den Hof in Ladenburg mit seinen lös- und lehmhaltigen Böden. Für den Geschmack sei das super, da die Mineralien auch in das Gemüse gehen, aber eben nicht für die Reife.

Aber auch hier im Sand sind die Spargeldämme im Frühjahr mit zwei Folien abgedeckt. Lucian, mein rumänischer Vorarbeiter, spricht nur bruchstückhaft deutsch, aber ich verstehe ihn trotzdem ganz gut. Direkt auf den Sand kommt eine schwarze Folie, die erwärmt die Spargel durch die Sonneneinstrahlung. Etwa 50 cm darüber ist eine weiße Folie mit Drahtbögen fixiert, die wie ein Mini-Gewächshaus funktioniert. Besonders hübsch sehen die Plastikplanen in der Natur nicht aus.


Warum findet man diese Folien zur Ernteverfrühung hier in der Rheinebene immer häufiger, frage ich Herrn Hege? „Was ist denn die Alternative? Erdbeeren oder anderes Obst und Gemüse aus Spanien oder Marokko? Da kommt dann noch der lange Transportweg hinzu. Außerdem wächst unter der Folie kein Unkraut. So müssen wir keine oder viel weniger Herbizide anwenden und wenn es dann wärmer wird, schützen sie vor der Wasserverdampfung und deshalb muss nicht beregnet werden“.

Aus dieser Perspektive habe ich die hässlichen Dinger vorher noch gar nicht betrachtet. So verbringen wir erst einmal Zeit damit, das 2 ha große Feld von der weißen Folie zu befreien. Zu sechst laufen wir an den Dämmen entlang und schlagen die Plastikdecke zur Seite. Ich bin ganz froh, dass ich meine Joggingschuhe anhabe – nur um alle Hügel freizulegen müssen wir vier Mal das Feld auf und ab laufen. Lucian grinst mich an: „Wir laufen am Tag schon so zwischen 15-20km.“ Aha … das Königsgemüse will also hart erlaufen werden … Soll mir recht sein, laufen kann ich!

Der zweite Schritt ist ein bisschen wie Ostereiersuchen und Dinner in the Dark. Lucian nimmt zwei Alukörbe, die auf die zu stechende Spargellänge angepasst sind, sowie zwei Stecheisen. Gemeinsam laufen wir nun die schwarze Folie ab. Wir sind auf der Suche nach kleinen Erhebungen, die dadurch entstehen, dass die Spargel ihr Köpfchen aus dem Sand stecken und gegen die Folie stoßen. Wir brauchen nicht weit zu laufen. Mit einem kräftigen Schwung deckt der Rumäne den Damm auf und tatsächlich sieht man die ersten 1-2 cm eines Spargels. Lucian legt den Spargelkopf vorsichtig mit den Händen frei und schiebt dann routiniert das Stecheisen in die Erde. Voilà, ein perfekter weisser Spargel tritt ans Tageslicht! Kurz danach zaubert er ein weiteres Exemplar aus dem Sand, das ich vorher noch nicht einmal gesehen hatte. Er hatte den Kopf ertastet.


Mein erster Versuch produziert feinsten Bruchspargel – zu fest gezogen, zu falsch gestochen. Die Stängel sind aber auch empfindlich! Lucian zeigt es mir noch einmal in Zeitlupe. Es ist gar nicht so einfach zu erkennen, wo der Spargel unter der Erde wächst – eigentlich gerade runter, oder?

Während ich meinen zweiten Spargel aus der Erde zaubere (vielleicht ein bisschen kurz, aber immerhin am Stück) und ihn stolz meinem strengen Lehrer zeigen will, ist der schon in weiter Entfernung. Denn beim Spargel ist es zumindest jetzt im kalten Frühling nicht so, dass man es sich an einer Stelle gemütlich macht und einen Stängel nach dem anderen aus dem Boden zieht. Nur alle paar Meter zeigt sich ein Köpfchen. „Kein Wunder, dass das Zeug so teuer ist“ denke ich etwas miesepetrig. Schnell sein Kistchen vollkriegen ist hier wohl nicht angesagt.


Ein Profi sticht am Tag 120-160 kg Spargel. Nach einer Stunde habe ich gerade mal 5 Kilo geerntet und mein Rücken beschwert sich über die gebückte Haltung. Nach zwei Stunden kommt Herr Hege vorbei um zu schauen, wie es mir geht. Wahrscheinlich haben sie im Betrieb Wetten laufen, wann ich aufgebe. „Tja …“ seufzt er „sehen Sie, wir müssen auch langsamen Arbeitern wie Ihnen unter normalen Umständen den Mindestlohn zahlen, auch wenn sich das in diesem Tempo gar nicht rentiert.“ Ein ungeübter Erntehelfer schafft am Anfang nur 5 kg die Stunde. Da müsste man für eine Kostendeckung das Kilo für € 25 verkaufen – aber wer soll und will das bezahlen?“

Manfred Kücherer vom Gemüsebau Kücherer geht zur Motivation seiner Mitarbeiter mit gutem Beispiel voran, auch er schneidet in gebückter Haltung Kopfsalat. Bei der Gemüseernte geht es um das Timing - zu lange gewartet und der Salat wird welk. Wenn es jetzt wärmer wird, muss alles schnell gehen; dafür brauchen die ganzen Landwirte Erntehelfer, sonst bleibt das Gemüse auf dem Feld und die Auslagen in den Supermärkten leer.


Auch auf dem Hegehof werden vor Allem ab Mitte/Ende April noch Leute gesucht. Dann ist die Spargelernte in vollem Gang und auch die Erdbeeren müssen mehrmals täglich geerntet werden.


Ein paar Tage nach meinem Besuch kontaktiert mich Dieter Hege mit einer weiteren Entwicklung. Er sieht in der momentanen Situation den Einsatz von Erntehelfern aus vielen verschiedenen Haushalten äußerst kritisch. „Die Gefahr ist dann natürlich viel grösser, dass der Corona-Virus auf unserem Betrieb eingeschleppt wird. Unsere rumänischen Mitarbeiter sind bereits durch eine 14tägige Quarantäne gegangen und leben hier rund um die Uhr in ihren Arbeitsgruppen ziemlich isoliert, da ist die Ansteckungsgefahr natürlich geringer. Wir wissen noch nicht, wie wir verfahren werden. Aber die Situation ist weitaus komplizierter als dass wir einfach einheimische Erntehelfer einsetzen können. Noch ist nicht entschieden, wie wir hier vorgehen.“


Zu Zeiten der Corona-Krise gibt es also nur eine Konstante: Nichts ist am nächsten Tag so, wie es gestern noch geplant war … ob sich Peter Hauk, Minister für ländlichen Raum und Verbraucherschutz, bei seinem Hilfeaufruf all dieser Herausforderungen für die Betriebe, aber auch die Erntehelfer in spe bewusst war?


INFO:

Und hier mein persönlicher Tipp:

Wenn Sie sich als Erntehelfer bewerben wollen, dann rechnen sie mit Muskelkater! Wer es nicht gewohnt ist, wird in den ersten Tagen die ungewohnte gebückte Haltung heftigst spüren. Bewerben Sie sich nur, wenn Sie fünf Tage die Woche und täglich acht Stunden Zeit haben. Außerdem sollten Sie mindestens für einen Monat verfügbar sein, sonst rentiert sich der Einarbeitungsaufwand für die Betriebe nicht.


Bei Interesse kann man sich auf www.daslandhilft.de, oder www.hegehof.de bewerben. Die Familie Kücherer hat es lieber, wenn man sich persönlich auf ihrem Hof in Handschuhsheim vorstellt, denn so Magdalena Kücherer „dann weiss ich, dass es ein Bewerber ernst meint“. Gewann Wiesenäcker 44 in Handschuhsheim.