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Taormina: Großes Theater


„Stellt Euch vor, ihr sitzt hier vor mehr als 1200 Jahren, die Sonne verabschiedet sich gerade mit einem letzten goldenen Glühen hinter den Bergen, unten seht ihr das Azurblau des Meeres und dann betritt ein Schauspieler die Bühne und die Oper beginnt.“ Luigi – seines Standes italienischer Reiseführer - wirft einen Blick auf seine Zuhörer: eine Gruppe amerikanischer Schüler, die momentan eher mit Selfies beschäftigt sind. Kurz erhebt er seine Augen, um Beistand aus dem Himmel zu erbitten und beginnt dann mit theatralischer Stimme zu donnern: „Später, als die Römer das ursprünglich griechische Theater erweitert hatten, deshalb heisst es ja auch „Teatro Greco“, wurden hier aber vor allem Gladiatorenkämpfe ausgetragen. Stellt Euch vor, wie nur mit einem Lendenschurz geschützte und mit einem Schwert bewaffnete Männer gegen ausgehungerte Tiere um ihr Leben kämpfen mussten. Löwen brüllten, Zuschauer jubelten und die Gladiatoren schrien! Ihr Blut sickerte genau hier in den Sandboden. “Plötzlich hängen die Jugendlichen an seinen Lippen … „Und jetzt stellt Euch noch dazu vor, dass der Vulkan Ätna (der gerade nur ein Rauchwölkchen in den Himmel pustet und aussieht, als könnte ihn kein Wässerchen trüben) auch zum Spektakel beiträgt: mit knallenden Explosionen und Feuer, das er imposant in den Himmel schleudert, während glutrote Lava sich langsam den Weg hinab zum Meer sucht.“ Luigi seufzt schaurig zufrieden „Das war ein Spektakel“.

Selbst ohne Gladiatoren, Löwen und einem akuten Vulkanausbruch schafft es das kleine Städtchen, das wie ein Adlernest 200 Meter über der Bucht von Naxos an den Hang des Monte Tauro gepfercht ist, jeden Besucher auch heute noch in seinen Bann zu ziehen. Hier gibt es Alles, was das Besucherherz begehrt: schicke Villen, betörend riechende Zitronenbäume, leicht marode Kirchen, Souvenirs, italienisches Eis, Berge, Meer, Geschichte, einen vor sich hin brodelnden, aktiven Vulkan und noch dazu die spektakuläre Kulisse, die Taormina – ohne zu übertreiben – wohl zu einer der schönsten Städtchen der Welt macht: Italien, wie aus dem Bilderbuch!

Stundenlang könnte man die Kulisse des Theaters bewundern, ohne dass einem langweilig wird. Jede Stufe bietet einen ganz neuen Blickwinkel, jede Tageszeit eine ganz andere Stimmung: Am Morgen sind die Ruinen wundervoll von der Sonne beleuchtet, am Nachmittag badet dieselbige die Berge in goldenes Licht. Über allem thront, wie es scheint zum Anfassen nah, der Ätna. Mit seinen, je nach Aktivität 3300-3500 Metern, ist er der höchste aktive Vulkan Europas. Wenn im Frühling an der Küste schon Frühlingswetter herrscht und die Bäume blühen, herrscht am Gipfel noch tiefstes Winterwetter. Die Schneekuppe des Berges bietet vom Theater aus gesehen den perfekten Kontrast zwischen ungezähmter Wildheit und jahrtausendealter Kultur.

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Wer sich von dieser Szenerie trennen kann, sollte sich durch die kleinen Gassen treiben lassen. Der Corso Umberto ist die Flaniermeile, die einmal quer von der Porta Messina zur Porta Catania führt. Auf der Piazza IX. Aprile tummeln sich Touristen, die die Kirche San Agostino und den Uhrenturm Torre dell'Orologio bewundern, Kinder fahren wild mit ihren Fahrrädern und Skateboards zwischen seriös aussehenden, grauhaarigen, in schwarz gekleideten Signoras hin und her, die sich von ihrem Mittagsplausch aber nicht ablenken lassen. Wer kann, sollte die Küstenstadt abseits der Sommermonate und damit der Hochsaison besuchen, in der sich tausende Tages- und Kreuzfahrttouristen durch die engen Gassen schieben.

Schwer vorzustellen, dass die an der Ostküste Siziliens gelegene Stadt lange in einem Dornröschenschlaf gefallen war, nachdem sie im 9. Jahrhundert von den Arabern zerstört wurde. Johann Wolfgang von Goethe war einer der ersten Touristen, dessen Besuch 1787 Taormina wieder auf die Reiseliste – insbesondere von Künstlern - brachte und genaugenommen so eigentlich den ersten Tourismusboom auslöste, der bis heute anhält. Mitverantwortlich war auch der deutsche Maler Otto Geleng, dessen zahlreiche Landschaftsbilder von Taormina und der Umgebung den Ort weit über Sizilien hinaus bekannt machten. Für Aufmerksamkeit bei den damaligen Freidenkern sorgte der Fotograf Wilhelm von Gloeden. Der hatte das fast vergessene Hirten- und Fischernest auf seine Weise in Szene gesetzt: er ließ halbwüchsige Jungen mal mit, mal ohne antikisierendem Lendenschurz auf zerklüfteten Felsen, auf bröckelnden Aussichtsterrassen oder vor den übrig gebliebenen Säulen des jetzt berühmten Theaters posieren, was weitere Künstler wie Oscar Wilde und D. H. Lawrence anlockte. Die sich hier im ausgehenden 19. Jahrhundert ansiedelnden Engländer erschufen den kunstvoll angelegten öffentlichen Garten „Giardino Pubblico“, der mit Baumarten aus aller Welt aufwarten kann. Spaziert man durch die von Rosmarin und Bougainvillea begrenzten Beete zur grossartigen Aussichtsterrasse, fühlt sich wohl auch heute noch so mancher Tourist zur Staffelei berufen – was bei dem malerischen Blick kein grösseres Wunder erscheint.

Während Luigis Blick verträumt in die Ferne schweift, drängen seine Schüler auf neue Abenteuer, und so steigt die Gruppe über steile Stufen zur Kapelle Madonna della Rocca auf. Vom gleich nebenan liegenden Castello bietet sich eine im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Sicht auf die die Gebäude, die sich an die steile Bergflanke drängen, das Amphitheater und das Meer – welches die jungen Amerikaner nach dem schweisstreibenden Anstieg sehnsuchtsvoll anschmachten. Luigi hat Erbarmen und gemeinsam schlängeln sie sich über gewundene Pfade zurück hinunter in die Stadt. Die erste Erfrischung kommt in der Form eines berühmten italienischen Eises: der Renner ist die Sorte „Ätna“, eine Mischung aus Mandel, Pistazien und kandierten Kirchen. Mit dem Eis in der Hand geht es weiter Richtung Meer: eine halb von Blumen überwucherte Treppe führt steil hinab zur Isola Bella – ein Name, der fast schon eine Untertreibung ist. Am Kiesstrand spenden Pinien Schatten, die Badebuchten werden von felsigen Halbinselchen begrenzt. Ein Postkartenidyll mit seltenen Tier- und Pflanzenarten, begehbar über eine schmale Sandbank. Hier hatten im 19. Jahrhundert die Engländer die exotischen Bäume gezüchtet, die dann im Giardino Pubblico ausgepflanzt wurden. 1998 wurde sie vom WWF zum Naturschutzgebiet erklärt. Den Jugendlichen ist das Alles im Moment ziemlich egal, in Sekundenschnelle haben sie sich die Kleider vom Leib gerissen, um in der türkisblauen Lagune zu plantschen und auch Luigi seufzt verzückt, als er seine Schuhe auszieht und seine Füsse ins Meer streckt. Ein junger Amerikaner seiner Gruppe kommt begeistert auf ihn zu „Also ich muss schon sagen, das ist der schönste Platz, in dem ich je in meinem Leben war.“ Der italienische Reiseführer lächelt zufrieden: Seine Mission war erfolgreich … aber um ehrlich zu sein: nirgendwo auf der Welt ist diese einfacher.

Information:

Die Internetseiten www.visitsicily.info/en (englisch) und www.italia.it bieten einen guten Überblick zu möglichen Freizeitaktivitäten.

Hinkommen:

Von Frankfurt aus bieten Lufthansa und Ryanair Direktflüge bis nach Catania. Von dort weiter entweder mit einem Mietwagen (wobei Parkplätze in Taormina rar gesät sind), beispielsweise überwww.billiger-mietwagen.degebucht, mit dem öffentlichen Bus (checkmybus.de), oder einem Flughafentransfer (Bsp: www.taorminatransfer.com). Einige Hotels bieten auch einen kostenlosen Shuttle an.

Schlafen:

Das Vier Sterne Hotel Villa Paradiso besticht durch seine zentrale Lage direkt am Giardino Pubblico und den Blick auf die Bucht von Naxos. Doppelzimmer mit Frühstück ab 120€. Via Roma, 2 98039 Taormina, Tel: +39 (0)94223921, www.hotelvillaparadisotaormina.com

Eine halbe Stunde von Taormina entfernt liegt das Donna Carmela inmitten eines riesigen mediterranen Gartens. Von den Zimmern hat man teilweise einen wundervollen Blick auf den Ätna und auf das Meer. Doppelzimmer mit aussergewöhnlich reichhaltigem Frühstück ab 100€ in der Nebensaison. Als Bonus bietet das Hotel kostenlosen Transfer vom Flughafen und nach Taormina.

Contrada Grotte, 7 Carruba di Riposto, Tel. +39 (0)95 80938, www.donnacarmela.com

Essen:

Das mit hübschen Pflanzenfresken bemalte Restaurant Al Giardino liegt direkt hinter dem öffentlichen Park in Taormina. Die Spezialität des Hauses sind Fisch und Meeresfrüchte, aber es gibt auch Pasta.

Via Bagnoli Croci, 84, 98039 Taormina, Tel: +39 (0)339 3001720, http://www.algiardino.net

Für knusprige Pizza empfiehlt sich La Napoletana. Die Pizzeria liegt in einer kleiner Gasse, die vom Corso Umberto zur Del Varó O Della Visitazione Kirche führt.

Piazza Varò, 98039 Taormina, Tel: +39 (0)942 628049, https://lanapoletana.business.site

#Italien #Taormina #Etna