• Von Wibke Helfrich - veröffentlicht in der

Island – durch die Schwesternbrille

Aktualisiert: März 12


„Wo ist mein schwarzer Hengst?“ Unauffällig lasse ich die Matratze auf den Rost gleiten und setzte mich mit einem unschuldigen Augenaufschlag vorsichtig auf die Bettkante. Meine Schwester steht wutentbrannt in der Tür und starrt auf die Stelle, wo normalerweise ihr Lieblingsposter eines steigenden, schwarzen Hengsts die Wand ziert. Meine Pferdeposter hängen alle noch, sind allerdings durch aufgemalte Brillen stark verunstaltet. Das habe ich mich wiederum nicht getraut – dem heiligen Hengst eine Brille zu malen! Meine Schwester ist drei Jahre älter und mit ihren 15 Jahren deutlich stärker als ich …

30 Jahre später traben wir einträchtig über das isländische Hochland – vorbei an kleinen Wasserfällen, saftig grünen Wiesen und unzähligen kleinen, zotteligen Islandponys, die verwunderlicher Weise keine Brillen tragen, sondern unseren Pferdchen nur fröhlich hinterher wiehern. Heute finden wir die Kleinkriege, die wir in unserer Kindheit geführt haben eher witzig: Beispielsweise durfte ich wochenlang nicht meiner Schwester ihre Seite des Zimmers betreten, das wir uns teilten. Sehr unpraktisch, da die Zimmertür in ihrer Hälfte lag. So musste ich mich an der Heizung entlang hangeln um dann, ohne Bodenberührung, in den Flur zu hechten.

Umso erstaunlicher war es, dass wir 1988 gemeinsam wie gebannt und sehr friedfertig die ZDF-Weihnachtsserie „Nonni und Manni“ am Fernseher verfolgten. Eine Geschichte von zwei isländischen Geschwistern, die auf einem Bauernhof wohnen und auf ihren isländischen Ponys – durch grandiose Landschaft reitend – versuchen, einen Mordfall aufzuklären. Die zwei Jungens stritten sich zwar auch hielten aber im Notfall doch zusammen. Die genauen Umstände sind mittlerweile recht verschwommen, aber damals haben wir uns geschworen, dass wir irgendwann, wenn wir groß genug sind, auch zusammen über Island reiten.

Nun ist ja das Erwachsenwerden eine recht lange und dehnbare Angelegenheit – und so dauert es eben ein paar Jahr(zehnt)e, bis wir uns unseren Traum erfüllen.

Wir haben eine Woche und wollen möglichst viel Zeit in der wilden Natur verbringen. Da wir nicht mehr regelmäßig reiten, beschließen wir, erst die 55-Kilometer-lange Laugavegur-Wanderung zu machen und danach noch einen Tag im Hochland zu reiten. Die Hütten zum Übernachten haben wir im Voraus gebucht, das Gepäck aufgeteilt (die Schwester trägt die Fertiggerichte für vier Tage, ich die Kamera) und los geht es.

Aus dem Flugzeug betrachtet, kommt uns das Innere der Insel doch sehr schneebedeckt und schaurig-kalt vor. Wir schauen uns etwas schockiert an, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Am nächsten Morgen wartet der Busbahnhof in Reykjavik mit der nächsten Überraschung auf: der Linienbus nach Landmannalaugar gleicht einem Geländewagen mit extrem viel Bodenfreiheit. Sobald der Bus die gut ausgebaute Ringroad (der Name sagt es schon: eine Straße, die sich wie ein Ring um die Insel schlängelt) verlässt, wird klar, weshalb ein normaler Linienbus fehl am Platz wäre. Es geht über Schotterstraßen und durch Wasserläufe ins bergige und extrem schroffe südliche Hochland.

Je mehr wir uns dem Naturschutzgebiet von Landmanalaugar nähern, desto dramatischer wird die Landschaft. Die Berge leuchten in allen Farben des Regenbogens, nur unterbrochen durch Gletscher, Flüsse und malerische Seen. Die Übernachtungshütten des isländischen Wandervereins liegen idyllisch in einem breiteren Tal, das mit saftigem, grünen Gras bedeckt ist – ein krasser Gegensatz zu der sonst kargen Landschaft. Nachdem Leute im Badeanzug – bei ca. 10 Grad Außentemperatur deutlich optimistischer als wir – an uns vorbei über einen Holzsteg zu einem kleinen See rennen, verstehen wir allerdings, warum hier Gras wächst. Überall brodeln heiße Quellen, die den Boden erwärmen und zum Baden einladen. Wir lassen uns auch nicht lange bitten, und so sitzen wir auch schon kurz darauf im badewannenwarmen Wasser mit spektakulärem Blick auf Gletscher und bunte Berge. Ein verheißungsvoller Auftakt!

Den Nachmittag verbringen wir mit der Besteigung des 855 Meter hohen Vulkans Brennisteinsalda, von dem aus wir eine grandiose Aussicht über die farbenfrohe Rhyolithlandschaft haben. Moose, Mineralien, Asche und Kalk lassen die Felsen durch die Kombination aus Sonne und Wolken in grün, rosa, weiss, schwarz, grau und blau schimmern. Zwischen Mai und August gibt es in Island keine Nacht, und so kann ich auch abends um 23 Uhr noch Fotos im schönsten Sonnenlicht machen.

Am nächsten Morgen zeigt uns das Wetter, dass die Wanderung nicht nur eitel Sonnenschein sein wird, und so stapfen wir bei Sprühregen in Richtung unseres 12 Kilometer entfernten ersten Etappenziels Hrafntinnusker los. Zehn Kilometer geht es leicht bergauf auf schneebedeckten Pfaden, die aber auch mit normalen Wanderschuhen zu bewältigen sind. Der Weg ist gut ausgeschildert, und so können wir ganz entspannt die Landschaft genießen, bis wir nach ca. drei Stunden zu den heißen Quellen kommen, die leider zu warm sind, um darin zu baden. Aber wenigstens ist die Luft hier wärmer, um eine kleine Pause mit Tee aus der Thermoskanne zu machen.

Nach dem einzigen kurzen steilen Anstieg verlassen wir allmählich die farbenfrohe Rhyolithlandschaft und erreichen den höchsten Punkt dieser Strecke – von hier haben wir eine atemberaubende Aussicht über die Vulkansandebene mit ihren grünen Bergen, Seen und Gletschern. Der Wind jagt Licht und Schatten über die Landschaft und zerrt an dem Regenschutz unserer Rucksäcke. Wir fühlen uns wild und abenteuerlich, als wir wie zwei kleine verlorene Hobbits den steilen Abstieg hinunter zum Álftavatn See nehmen. Der Hüttenwirt erwartet uns schon – für einen Isländer ist er äußerst gesprächig, er spricht mindestens fünf Sätze mit uns … Nach unserem ersten Wandertag schmecken die Fertignudeln, die wir in der lauschigen Hütte mit Blick auf den See in der Gemeinschaftsküche kochen, so gut wie das beste Drei-Sterne Menü. Abends um 23 Uhr mache ich es mir auf meinem Stockbett bequem, um bei Tageslicht noch ein paar Seiten zu lesen.

Unser zweiter Wandertag führt uns in 15 Kilometern nach Emstrur. Eine der größten Herausforderungen des Laugavegur ist das Furten der reißenden Gletscherflüsse. Heute durchqueren wir so viele der eisig kalten Bäche, dass ich mir zwischendrin überlege, ob es sich überhaupt noch rentiert, die Wanderschuhe wieder anzuziehen. Bald haben wir die sicherste Variante zum Furten gefunden: Wir laufen schwesterlich untergehakt, jede rechts und links einen Stock und so macht uns auch stärkere Strömung nicht mehr allzu viel aus. Im Gegensatz zur Wassertemperatur: sobald wir das andere Ufer erreicht haben, hüpfen wir erst mal wie wild auf und ab, um wieder Gefühl in unsere Füße zu bekommen, aber Kneippen soll ja gesund sein …

Der dritte Tag beginnt mit einem steilen, abenteuerlichen Abstieg zum Fluss Syðri-Emstruá, danach ändert sich die Landschaft merklich: nach der schroffen Vulkanlandschaft der letzten Tage wird es deutlich lieblicher, grüner, Wildblumen wachsen am Wegesrand und auf den letzten der 15 Kilometer nach Þórsmörk laufen wir sogar durch Birkenwäldchen. Meine Schwester hat jahrelang als Gärtnerin im botanischen Garten gearbeitet und so müssen wir vor jedem Pflänzchen stehenbleiben, um es genauer anzuschauen. Neben der invasiven Alaskalupinie ist bei mir botanisch nicht allzu viel hängengeblieben. Richtig interessiert mich nur, ob die Pflanze essbar ist – die Tütensuppen machen ausgesprochen Hunger auf Grünzeug …

Wir sind am Ziel unserer Wanderung, aber von der wunderwollen Landschaft Islands haben wir noch lange nicht genug. Endlich ist die Zeit für unser Nonni und Manni-Revival: Wir steigen in Þórsmörk in den öffentlichen Bus, der uns auf dem Weg nach Reykjavik an einer kleinen Haltestelle mitten im Nirgendwo aussteigen lässt. Im wenig besiedelten Island haben Busstationen und Tankstellen eine ganz besondere Rolle: sie sind Café, Lebensmittelladen, Ersatzteillager und Hufschmied in einem. Eine deutsche Studentin, die ihre Semesterferien als Reitlehrerin auf dem Hof Hestheimar verbringt, holt uns freundlicherweise ab. Der Hof ist riesig und in typisch isländischer Wellblechoptik gebaut. Überall stehen die kleinen, robusten Islandponys. Meine Schwester und ich hüpfen aufgeregt wie zwei kleine Mädchen zwischen den Pferdchen umher. Von Kindesbeinen an sind wir es gewohnt zu reiten. Die meisten Jahre hatten wir Pflegepferde im gleichen Stall, mit denen wir die Wälder unsicher machten. Unsere Reitlehrerin, die uns auf unserem Ausritt begleitet, beäugt uns anfangs noch kritisch, aber nachdem sie einsieht, dass wir die Pferde unter Kontrolle haben, entspannt auch sie sich. ​​Selbst mit den Pferde müssen wir auf dem Ausritt sehr regelmäßig durch Flüsse furten – allerdings bekommen wenigstens wir dabei keine nassen Füße. ​​Die Ponys hingegen verschwinden bis zum Bauch in den träge vor sich hinfließenden Flüssen. Die saftiggrünen Wiesen sind von gelben Butterblumen übersät, im Hintergrund leuchten die schneebedeckten Berge gegen den blauen Himmel – nichts stört die unglaubliche Idylle, ausser dem Klappern der Hufe und dem Schnauben unserer Ponys. Meine Schwester, die gerade mal wieder einen Fluss durchquert, grinst mich an „Ich muss gerade an Nonni und Manni denken – zum Glück müssen wir uns nicht, wie die Beiden, ein Pony teilen … sonst würden jetzt nur noch unsere Köpfe aus dem Wasser gucken …“ Beleidigt mache ich ein Foto von ihr. Ich glaube, zu Hause werde ich es ausdrucken und ihm als Erinnerung eine Brille malen …

Weitere Auskünfte:

Auf der Internetseite des isländischen Wandervereines gibt es detaillierte Informationen zu der Wanderung und zu den Hütten:

http://www.fi.is/de/wanderwege/laugavegurinn---wanderweg/

Für jene, die sich die Wanderung auf eigene Faust nicht zutrauen oder lieber nur mit Tagesgepäck unterwegs sein möchten, bietet Ferðafélag Íslands geführte Touren mit Gepäcktransport an. Weitere Informationen können auf Englisch beim FÍ beantragt werden: fi@fi.is

Anreise:

Icelandair fliegt täglich für ca. 450€ von Frankfurt nach Reykjavik.

http://www.icelandair.de/

Etwas günstiger (ab 350€ pro Person) ist es mit Germanwings donnerstags und sonntags von Stuttgart aus.

https://www.germanwings.com

Reykjavik Excursions bietet nicht nur verschiedene organisierte Sightseeing-Touren auf der ganzen Insel an, sondern auch einen Shuttleservice vom Flughafen zum Hotel. Außerdem ist es der öffentliche Bus zu dem Startpunkt der Wanderung und vom Endpunkt zurück in die Hauptstadt.

Reykjavik–Landmannalaugar 9000ISK ca. 61€ und von Þórsmörk zurück nach Reykjavik ca 51€

https://www.re.is; Tel: +354 580 5400; Email: main@re.is

Übernachten:

Der Laugavegur ist Islands beliebtester Wanderweg, daher sind die Hütten oft über Monate im Voraus ausgebucht. Wer sich seiner Übernachtung sicher sein will, sollte frühzeitig über den Ferðafélag Íslands (FÍ) buchen.

Tel: +354-5682533, E-mail: fi@fi.is:

Der Preis für ein Matratzenlager in den Hütten Landmannalaugar, Álftavatn, Emstrur, Þórsmörk liegt für 2015 pro Übernachtung bei 7000ISK (ca. 48€).

Schlafsäcke müssen mitgebracht werden.

Essen:

Die Hütten sind mit einer Küche und Geschirr ausgestattet, allerdings kann auf dem gesamten Wanderweg kein Essen erstanden werden. Aber die wundervolle Landschaft macht vier Tage Tütensuppen alle Mal wett. Es empfiehlt sich, das Essen aus Deutschland mitzubringen, da es hier deutlich billiger ist.

Reiten:

Es gibt in Island unzählige Anbieter für geführte Reittouren. Wir haben unseren Tagesritt bei Hestheimar in der Nähe von Hella gebucht – dieser kostet inklusive Lunchpaket um die 130€. Auf dem Hof kann man auch gemütlich schlafen und essen. Je nach Saison und Unterkunftsart kostet das Zimmer/Hütte zwischen 85 und 190€ für zwei Personen. Das Frühstück kostet 14€ pro Person. Hesthaimar bietet außerdem mehrtägige Wanderausritte an, bei denen in Hütten übernachtet wird.

Ásahreppur, 851 Hella, Ísland, Tel: +354 487 6666, Mob: +354 861 3738,hestheimar@hestheimar.is, www.hestheimar.is

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