• Ein Bericht von Wibke Helfrich - veröffentlicht in

Kanarische Schicksalsberge


Anstieg zum Gipfel des Fortaleza auf La Gomera

Die kanarische Kiefer schützt sich mit einer extrem dicken Rinde vor Feuersbrunst und Frost. Allerdings scheint hier im Naturpark „Parque Rural del Nublo“ auf knapp 1500 Höhenmeter momentan die Feuersbrunst das geringste Problem: Die Rinde ist von Flechten überwachsen und die 30 Zentimeter langen Nadeln peitschen, durch Windböen angetrieben, wild im waagrechten Regen auf mich ein. So hatte ich mir Wandern auf Gran Canaria nicht wirklich vorgestellt. Wanderführer Manuel hatte ein paar Höhenmeter weiter unten – in Las Lagunetas – noch im T-Shirt Feigen und Pflaumen von den Bäumen gepflückt und uns dabei vorgeschwärmt, dass die Insel eine Art Mini-Kontinent voller Kontraste sei: wüstenähnliche Dünenfelder und subtropische Täler; ausgedörrte Barrancos (Schluchten) mit hochgewachsenen Königspalmen und Almen inmitten dichter, wohlriechender Kiefernwälder; touristisch erschlossene Strandsiedlungen aber auch wilde Einsamkeit. „Ich will euch die Vielfalt der kanarischen Inseln zeigen in der Natur und in der Kultur.“

Klicke auf das erste Bild um die Fotostrecke zu starten:

Erst jetzt verstehe ich dessen vollen Umfang: Einerseits sonnenverwöhnte Strände, anderseits von Wind und Regen gepeitschte Berghänge! Von Manuel sind inzwischen auch nur noch die Augen in der Regenmontur zu sehen – er ruft uns gut gelaunt durch den Wind zu, dass nur ein paar Kilometer weiter wieder die Sonne scheint … uns so laufen wir brav weiter. Tatsächlich scheint in dem kleinen weiss getünchten Dorf Santa Lucía de Tirajana die Sonne, leuchtend bunte Blumen wachsen in den Gärten und Parks, und im verschlafenen Dorfcafé sitzen einige Einheimische im Schatten.

Faszinierend, wie unterschiedlich sich hier die Natur präsentiert. Vom Dorf aus wandern wir unter strahlend-blauem Himmel entlang ausgedörrter Felder und skulpturenartigen himmelshohen Agaven auf eine markante Felsformation zu, die wie eine Burg zwischen tiefen Tälern liegt.

Unser Ziel ist La Fortaleza de Ansite - eine der bedeutendsten Fundstätten Gran Canarias. Bevor die Spanier im 15 Jahrhundert die Kanaren einnahmen, wohnten hier die Guanchen, die Ureinwohner, in einer Art steinzeitlicher Kultur. Mit Steinen und Stöcken war es ihnen schwer möglich, die Eroberung der Inseln durch die militärisch weit überlegenen kastilischen Truppen zu verhindern.

Sofort nach Sonnenuntergang ziehen dicke Nebelschwaden über den Roque de Nublo

Verónica und Marco sind gerade mit ihren Kollegen dabei, alte Behausungen rund um den riesigen Festungsberg zu identifizieren. Die Guanchen lebten nicht nur in Felshöhlen, die sie mit Hammer und Meißel mühsam in den weichen Tuffstein schlugen, sie bauten auch Hütten mit Strohdächern. Die Arbeit der Archäologen ist ein mühsames Unterfangen. Die abgegrabene Erde wird gesiebt, um auch kleinste Objekte der noch wenig erforschten Kultur sicher zu stellen. Veronica erzählt mir die Geschichte von Fortaleza: Es war die letzte Bastion, an die sich die kanarischen Ureinwohner am 29. April 1483 vor den Spaniern zurückgezogen hatten. Angeblich stürzten sich an diesem Tag der Anführer und der Schamane vom Gipfel des Felsens, da sie lieber sterben als sich ergeben wollten.

Ein Insel weiter war auch für die Ureinwohner La Gomeras ihre Fortaleza (Burg) ein Schicksalsberg. Sie nannten ihn „Argoday“ (den Mächtigen) – und betrachteten ihn als eine ihrer heiligsten Stätten. Archäologische Funde von Tierknochen über Werkzeug bis hin zu Steinaltaren zeugen davon, dass die Gomeros hier einst kultische Riten vollzogen. Tragischerweise stürzten sich auch hier die Häuptlinge nach dem verlorenen Wiederstand gegen die Spanier die Fortaleza hinab.

Ohne solches Vorwissen erinnert heute wenig an die blutige Vergangenheit, der markante Tafelberg ist heute ein beliebtes Wanderziel auf der beschaulichen Insel. Wir starten im Bergdorf Chipude, das als älteste Siedlung La Gomeras gilt. Der gut ausgeschilderte Wanderweg führt auf einem schmalen Pfad sanft bergauf und bergab durch hohes Gras an majestätischen Palmen und hohen Algarven weit oberhalb der Küste den Bergkamm entlang. Wir haben grandiose Ausblicke auf tiefe Schluchten, die sich unter uns hunderte von Metern bis zum Meer hinab öffnen. Terrassierte Felder und steinige Wände wechseln sich ganz selbstverständlich ab. Im kleinen Weiler Pavlon schauen wir einem Töpfer zu, der wie damals die Ureinwohner die Oberfläche seiner Ware mit einem Stein glatt schleift. Spanische Musik dudelt etwas weiter entfernt aus einem Lautsprecher. Manuel erklärt uns, dass hier die meisten Lebensmittel noch von einer Art fliegender Händler mit dem Wagen von Ort zu Ort gefahren werden. So ähnlich wie bei uns der Eismann macht dieser dann mit Musik auf sich aufmerksam. Die Musik begleitet uns, als wir das Dorf leicht bergan verlassen und gibt der ganzen Szenerie ein noch romantischeres Ambiente, das an längst vergangene Zeiten erinnert.

Wir folgen dem Weitwanderweg GR131, bis uns ein Wegweiser die Richtung zum Einstieg des von überall deutlich sichtbaren Berges vorgibt. Ab hier ist ein bisschen Klettern angesagt: für die letzten 100 Höhenmeter bis zum 1231m hohen Gipfel sind Schwindelfreiheit und Trittsicherheit nötig. Oben angekommen, werden wir mit einer atemberaubenden Aussicht hinunter nach Chipude und bis hin zur Nachbarinsel La Palma belohnt. Auf einem kleinen Pfad kann man das ganze Gipfelplateau umrunden – jede Biegung bietet neue Ausblicke über die Insel.

2012 wütete ein Waldbrand auf La Gomera, aber die bekanntlich gut geschützten kanarischen Kiefern erholen sich langsam und bieten auf unserem Weiterweg zum Nationalpark „Garajonay“ einen willkommenen grünen Kontrast zu den ockerfarbenen Felsen. Je weiter wir in den „Garajonay” kommen - 1986 von der UNESCO zum Naturerbe ernannt, desto mehr ändert sich die Vegetation. Die Kiefern werden von immergrünen Lorbeerwäldern abgelöst, die meistens vom Nebel eingehüllt sind, wodurch der Wald ein magisches Aussehen gewinnt.

Dichte Wälder und tiefe Schluchten waren schon für die Guanchen eine Kommunikationsbarriere, und so entwickelten sie die Pfeifsprache „El Silbo“, in der gewöhnliche Lautsprache in Pfeiflaute umgesetzt werden. Es ist die lauteste Kommunikationsform, die ohne Hilfsmittel auskommt. Die Reichweite kann je nach Windrichtung bis zu zehn Kilometer betragen. Oscar de Jorge ist eigentlich Kellner am Mirador El Abrante, aber je nach Lust und Laune demonstriert er mit seinem Kollegen den Besuchern, wie präzise man mit dieser Sprache kommunizieren kann: So versteckt er beispielsweise das Portemonnaie einer Touristin im Weinschrank und erklärt dann seinem Kumpel – der vorher natürlich nicht anwesend war – durch Pfiffe, wo er es finden kann.

Leicht nachvollziehbar, dass solche Verständigungsmittel zu Francos Zeiten verboten waren. Die UNESCO hat El Silbo 1982 auf die Liste der zu schützenden Weltkulturgüter gesetzt und seit 2014 ist sie Pflichtfach in den Schulen La Gomeras.

Nach mehreren Tagen mit unserem Wanderführer Manuel möchte ich von ihm wissen, was denn seine persönliche Lieblingswanderung sei. Wie aus der Pistole geschossen antwortet er mir „Die Caldera rund um den Teide auf Teneriffa“. Wie es der Zufall – oder die Bestimmung – will, ist das Ziel unserer Wanderung auf Teneriffa auch ein Aussichtsberg mit dem Namen Fortaleza … natürlich im Nationalpark des Teides! Er bildet mit dem benachbarten El Cabezon den nördlichsten Teil des Kessels rund um den Berg. Die dünne Luft ist bei unserem Start auf 2038 Metern schon deutlich zu spüren. Rote Steine markieren den Weg, der sich flach durch den Talkessel windet. Der Ausblick auf den knapp 1700 Meter höher liegenden Teide bietet reichlich Material für Ausreden zur Pause … natürlich nur, um den magischen Anblick entsprechend zu würdigen. Eine Szenerie, die fast ausserirdisch anmutet: Der weisse Schnee auf dem höchsten spanischen Berg, das Azurblau des Himmel, die erdfarbenen Steine mit vereinzelt schwarzen Stellen erkalteter Lava, dazwischen verblühte Natternköpfe, die wie weisse, filigrane Scherenschnitte aussehen. Manuel will am Ende der Reise von mir wissen, welche Wanderung ich auf den drei besuchten kanarischen Inseln am Schönsten fand … nach kurzem Überlegen fällt mir die richtige Antwort ein: „Die nach Fortaleza!“

Planen:

http://www.hallokanarischeinseln.com bietet einen guten Überblick über alle 7 kanarischen Inseln.

Die etwas chaotische Seite www.wandern-grancanaria.de bietet trotzdem einen guten Überblick, speziell für Wandertouren.

Anschauen:

Das Centro de Interpretación La Fortaleza auf Gran Canaria erweckt die Kultur der Guanchen wieder zum Leben – von hier kann man auch zur Ausgrabungsstätte laufen, Dienstags bis Sonntags 10-17 Uhr. Eintritt 4€, Hoya del Rábano, 48 - GC-651, KM 1,9 - La Sorrueda ,Tel +34 928 79 85 80, info@lafortaleza.es, www.lafortaleza.es

Pauschal:

Der DAV Summit Club bietet geführte Wanderungen auf Gran Canaria, La Gomera, Teneriffa und La Palma (www.dav-summit-club.de, Tel: +49 89 64240 196 , info@dav-summit-club.de

Literatur:

Wanderführer mit gut beschriebenen Strecken zu allen drei im Artikel beschriebenen Inseln gibt es beispielsweise von Rother (www.rother.de).

Hinkommen:

Condor (condor.de) fliegt Mittwochs und am Wochenende von Frankfurt nach Gran Canaria (ab ca. 150€). Montags, Mittwochs, Freitags und Sonntags bietet Condor Flüge nach Teneriffa. Tuifly (www.tuifly.com) fliegt Gran Canaria jeden Tag ausser Dienstags an (ab ca. 150€). Nach Teneriffa gibt es jeden Tag ausser Montags Flüge (ab ca. 250€).

La Gomera wird nicht direkt angeflogen. Entweder fliegt man nach Teneriffa und dann geht es weiter mit der Fähre (www.fredolsen.es), mehrmals täglich ab 65€ einfache Fahrt; oder mit dem Flugzeug ab Teneriffa Nord mit Binter Canarias ab ca. 58€ (www.bintercanarias.com).

Unterkunft:

Indviduelle und orginelle Fincas und Ferienwohnungen kann man beispielsweise unter www.fincaferien.de buchen. Meistens ist hierfür allerdings ein Mindestaufenthalt von 3 Tagen nötig.

Gran Canaria:

Der Parador „Cruz de Tejeda“ befindet sich zwischen zwei Landschaftsbereichen der Insel, dem Parque Rural del Nublo und dem Naturschutzgebiet Cumbres. Wenn das Wetter schön ist, kann man von der Terrasse den Roque Nublo sehen. Doppelzimmer mit Frühstück incl. SPA ab 135€, Cruz de Tejeda, s/n 35328 Tejeda Las Palmas, Tel:+34 928012500, cruztejeda@parador.es, www.parador.es/es/paradores/parador-de-cruz-de-tejeda

La Gomera:

Einen perfekten Spot für den Sonnenuntergang an der Westküste La Gomeras bietet das Hotel „Gran Rey“ - es liegt direkt am feinen Sandstrand von Valle Gran Rey. Von der Restaurant-Terrasse im dritten Stock hat man einen wundervollen Blick über die Bucht.

Avda. Marítima, Nº1, 38870 Valle Gran Rey, Tel: +34 922805859, info@hotelgranrey.es, http://www.hotelgranrey.es

Teneriffa:

Das Hotel Alta Montaña liegt auf 1500m inmitten von Grün mit fantastischem Meerblick. Gemütliche Lounge-Gartenmöbel laden nach dem Wandern zum Erholen ein. Camino Morro del Cano, 1, 38613, Vilaflor, Santa Cruz de Tenerife, Tel: +34 922 70 99 95, info@hotelaltamontaña.com, www.hotelaltamontaña.com

Essen/Trinken:

Gran Canaria

Das Restaurant Cofradía Castillo del Romeral ist deutlich mehr Sein als Schein. Bei der Anfahrt an die kleine Bucht hinter dem Industriegebiet kann man schon Zweifeln, ob man hier richtig ist. Allerdings sind alle Zweifel verflogen, sobald man das frische Essen mit Blick aufs Meer gekostet hat. Spezialität bei diesem sehr einfachen Restaurant ist Fisch – kein Wunder, es liegt auch direkt am Fischmarkt.

Av. de la Playa, s/n, 35107 Castillo del Romeral, Las Palmas, Tel: +34 928 72 81 99

La Gomera:

Der im Jahr 2014 eröffnete Mirador El Abrante liegt etwas mehr als 600 Meter über dem Meeresspiegel. Den Ausblick auf das darunterliegende Agulo, das Meer und den steilen Abbruch, genießt man nicht nur von dem gläsernen Aussichtspunkt, sondern auch vom Café bei sehr leckeren Tapas. 38890 Agulo, Provinz Santa Cruz de Tenerife, Tel +34 638 66 14 90

#Kanaren #Wandern #LaGomera #GranCanaria #Teneriffa