top of page

Norwegen: Selfie mit Troll (-zunge)

„An Eurer Stelle würde ich morgen ganz früh – zum Sonnenaufgang – losgehen, da ist weniger los, und die Sonne scheint.“

Fragend schauen wir den vollbärtigen Wächter auf dem riesigen Parkplatz vor dem Ausflugslokal Øygardsstølen, von dem die Wanderung zum berühmten Kjeragbolten startet, an. Fragend deshalb, weil erstens der Parkplatz nicht so aussieht, als wäre hier jemals wenig los und zweitens, weil es gerade in Strömen regnet. Pardon: Ende August regnet es natürlich nicht, es graupelt in Strömen. Gemächlich zückt er sein Handy: „Hier, schaut: morgen früh ab 6:30 Uhr Sonne.“ Unsere Wetter-App zeigt Regen. „Ach“ schnaubt er verächtlich, „ihr müsstyr.no nehmen, die haben viele lokale Wetterstationen und aktualisieren viel häufiger.

Morgen früh Sonne, morgen Mittag Regen, glaubt mir!".

„Und was machen wir gegen Menschenmassen?“ fragen wir. „Früh aufstehen!“ antwortet er grinsend.


Menschenmassen am Preikastolen

Noch sitzt uns die Wanderung zum berühmten Preikastolen in den Knochen - weniger, weil sie so anstrengend war, sondern eher, da wir dieses eigentlich wunderschöne Naturerlebnis mit gefühlt 1000 anderen Wanderern teilen mussten: Horden an Kreuzfahrttouristen zuckelten im Gänseschritt mit völlig ungeeignetem Schuhwerk den 3 Stunden langen Weg entlang. Die Wanderung zur 25 mal 25 Meter grossen Felskanzel über dem Lysefjord wäre grundsätzlich sehr hübsch – wenn man die Menschenmassen ausblenden könnte. Im August letzten Jahres erschien in den Kinos ein neuer Teil von Mission Impossible mit Tom Cruise. In diesem Film hängt er spektakulär an der 604 Meter über dem Lysefjord thronenden Felskante, was für viele Besucher ein Selfie an dieser Location noch wünschenswerter macht. So hüpfen und posieren etwa 300.000 Besucher im Jahr auf der Felsplattform herum, um das beste Erinnerungsfoto mit nach Hause zu nehmen – Tendenz steigend

Menschenmassen am Preikastolen


Wanderung zum Kjeragbolten

Diesen Anblick würden wir uns gerne ein weiteres Mal ersparen, also quälen wir uns im Morgengrauen aus den Federn und stapfen noch ziemlich verschlafen in der Dämmerung los. Einige andere Wanderer hatten die gleiche Idee, aber da die Wanderung mit einem ziemlich anspruchsvollen Einstieg beginnt, der an einigen Stellen mit Drahtseilen gesichert ist, sind wir doch ziemlich bald alleine. Unser freundlicher Parkplatzwächter hat nicht gelogen: über den Bergen geht die Sonne auf und lässt die noch feuchten Granitplatten glitzern. Ein rotes T markiert den gut ausgezeichneten Wanderweg, verlaufen können wir uns also nicht. 4,5 Kilometer gehen wir den Berg hinauf, um dann wieder auf der anderen Seite in ein grünes Tal abzusteigen, um dessen Fluss zu queren. Fast hätten wir das Highlight der Wanderung gar nicht gefunden, denn der Zugang zumKjeragbolten- ein etwa 5 Quadratmeter großer Granitkeil, der zwischen zwei fast 1000 Meter in den Lysefjord abstürzenden Wänden feststeckt - führt durch eine verdeckte Felsscharte.Um für ein Foto auf den Bolten zu steigen, muss man 100% schwindelfrei und der Fels nicht nass sein, denn von hier geht es ungeschützt 1000 Meter in die Tiefe. Schutzzäune sind hier Fehlanzeige, die Norweger setzen auf Eigenverantwortung.

Gerade am Tag zuvor hatten wir – unabsichtlich - ein Gespräch zwischen einem Amerikaner und einem Norweger in einem Café in Stavanger belauscht: „Ihr Norweger seid verrückt und unverantwortlich … bei den vielen Touristen müsst ihr doch Ziele wie den Preikastolen,Kjeragboltenoder die Trolltunga umzäunen – was ist, wenn da jemand abstürzt?“ „Naja …“ erwiderte der Norweger bedächtig

„Wir gehen eben immer davon aus, dass die Menschen schon selber wissen, was sie tun. Aber wenn ein Norweger zu dir sagt, die Wanderung ist vielleicht ein bisschen schwierig’, dann mach’ sie besser nicht. Wahrscheinlich ist die dann lebensgefährlich“

sagt er und grinst verschmitzt sein Gegenüber an.

Auch wenn die Norweger keine Sicherheitszäune um diese exponierten Felsen bauen, so versuchen sie trotzdem, die Touristen vor sich selbst zu schützen: seit 2017 gibt es beispielsweise auf der beliebten Trolltunga-Wanderung in der Hochsaison Bergwächter (finanziert von den Parkplatzgebühren), die die Strecke ablaufen. Immer wieder müssen sie schlecht vorbereitete Wanderer retten, die das Wetter und die Anstrengung unter- und sich selbst überschätzen. Die Natur ist eben doch kein Selfie-Motiv, das man einfach abhaken kann.

Denn die Trolltunga ist der Star der sozialen Medien –

sie wurde beispielsweise 2014 vom Internetportal Buzzfeed zum besten Selfie-Spot weltweit gekürt. Und obwohl ich nun wirklich keine Selfie-Königin bin, ging es mir genauso. Als ich das erste Mal ein Bild der "Trollzunge" sah, wusste ich sofort: da will ich hin, das Foto möchte ich auch haben. Ausgesetzte Höhenlage, eine grandiose Weitsicht über den See, Wasserfälle, Gletscher und Berge … und der Adrenalinschub beim Stand auf der schmalen Felszunge ist auch nicht zu verachten. Dieses perfekte Bild muss man sich hart verdienen: wer die 27,5km lange Wanderung angeht, muss gleichzeitig auch 1000 Höhenmeter überwinden. Trotzdem ist der mit „schwarz" bewertete Weg mit 100.000 Besuchern - alleine im letzten Sommer - gut besucht.​

​Oft ist ein Motiv, das man schon 1000 Mal auf Fotos gesehen hat, in der Realität etwas enttäuschend. Die Trolltunga gehört definitiv nicht dazu.

Die 10 Meter lange Felszunge, die sich von einer Breite von 5 Metern auf wenige Zentimeter verjüngt, ragt waagrecht aus der Wand über den See. Die umliegenden Berge und der See schimmern im Nachmittagslicht bläulich, in der Ferne strahlt der Folgefonna - mit 214 Quadratkilometern drittgrösster Festlandsgletscher Norwegens. Wir haben Glück und können direkt auf der Trollzunge posieren, ohne in einer Warteschlange zu stehen. In der Hochsaison kann die Wartezeit durchaus bis zu unglaublichen 4 Stunden lang sein …

Wir setzen uns an die Felskante gegenüber der Trolltunga und schauen uns die Vorstellung der anderen Touristen an. Zwei Russen halten ein riesiges Plakat in die Höhe. Ihr Kumpel erklärt mir, dass sie sich damit bei einem Freund in Russland entschuldigen, weil sie heute nicht auf seiner Hochzeit sein können – ein guter Grund, finden wir. Ein anderer Wanderer zieht zur Belustigung aller Zuschauer für sein Foto blank. Fernsehschauen ist dagegen langweilig. Und dann tritt der größte Star in die Manege: die Sonne! Wir haben das Glück, bei perfektem Wetter hier zu sein, für Norwegen eher ungewöhnlich. Für eine kurze Zeit vergoldet sie die gesamte Bergwelt, um sich dann mit einem letzten Aufstrahlen hinter dem Gletscher zu verabschieden.

Wer jetzt denkt, dass Wandern in Norwegen nur etwas für Hardcore Outdoor-Enthusiasten ist, oder dass alle Wege von Selfie-Touristen übervölkert sind, der sei beruhigt. Die Wanderführerin Akhila von Tolltunga-Active findet es gut, dass sich die meisten Wanderer auf die 3 Top-Highlights in Südnorwegen beschränken. „Das ist doch perfekt“ … sagt sie uns „Wir wissen, welche Probleme durch viele Menschen entstehen und schauen, dass diese Strecken regelmässig gepflegt werden. Alle anderen Wanderwege sind immer noch so verlassen und natürlich, wie es in Norwegen sein sollte. Lauft doch mal den Dronningstien, der 2013 von Königin Sonja eingeweiht wurde, oder hoch zu den Wasserfällen von Kinsarvik. Da werdet ihr nicht viele Leute treffen und die Landschaft ist mindestens genauso spektakulär.“

Info:

Literatur

Zu den Wanderungen Preikastolen und Kjeragbolten im Rother Wanderführer: Bernhard Pollmann, Norwegen – Süd.

Der Weg zur Trolltunga wird auf www.visitnorway.de beschrieben.

Anreise:

Mit dem eigenen Fahrzeug mit der Fähre von Hirtshals/Dänemark nach Kristiansand/Norwegen. 2h15 Fahrtzeit, directferries.de. Per Flugzeug mit einem Umstieg entweder nach Stavanger oder Bergen. Von dort weiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Mietwagen. Vom 1. Juli bis zum 31.8 gibt es einen Expressbus zwischen den Startpunkten für die Wanderungen zum Preikastolen und zur Trolltunga, gofjords.com.

Lofthus Camping - Zeltplatz mit Aussicht

SCHLAFEN:

Das Trolltunga Hotel in Odda bietet Übernachtungsmöglichkeiten im 4er Schlafsaal oder im Doppelzimmer. Von hier fährt auch der Shuttle Bus zum Ausgangspunkt der Wanderung. Doppelzimmer mit Frühstück ab 124€.

Trolltunga Hotel, Vasstun 1, 5750 Odda, Tel: +47 400 04 486, www.trolltungahotel.no/en

Lofthus Camping bietet neben normalen Stellplätzen für Zelte und Camper auch Bungalows für 2-8 Personen. Die Lage direkt über dem Hardanger Fjord ist spektakulär. Zeltplatz ab 15 Euro, 2 Personen Bungalow ab 40 Euro.

Lofthus Camping, Hellelandsvegen 120, 5781 Lofthus, Te: +47 53 66 13 64, www.lofthuscamping.com

BERGFÜHRER:

Trolltunga-Active bietet geführte Wanderungen zur Trolltunga auch mit Übernachtung in der Nähe der Felszunge. Zwei-Tageswanderung incl. Wanderführer, Übernachtung in einer eigens gebauten Plastikkuppel, Abendessen und Frühstück ab 400 Euro.

Skjeggedal 20, 5770 Tyssedal, Tel: +47 99 11 2121, trolltunga-active.com

  • Instagram Social Icon
  • YouTube Social  Icon
  • Facebook Social Icon
bottom of page