Einmal im Leben: Eisbären & Nordlichter an der Hudson Bay in Kanada

Drei Tage in der kanadischen Tundra, Eisbären aus nächster Nähe und tanzende Nordlichter über der Hudson Bay: Für mich geht in Churchill ein großer Traum in Erfüllung. Hier erzähle ich von meinen Begegnungen mit den Eisbären und gebe Tipps für die Planung einer Reise nach Churchill.
Warum mache ich das? Frage ich mich.
Bei eiskalten 5 °C und abartigen Sturmböen sitze ich in einer Art Traktoranhänger mit Sitzen, der von einem Quad gezogen wird. Wir holpern durch die Tundra, durch Wasserlöcher, Flüsse, Priele und Hecken. Sobald der Wind von der Hudson Bay uns ohne Schutz zu greifen bekommt, weht er uns fast von den Sitzen. Es ist Anfang Oktober, das Wetter ist grau und es regnet. Kein Eisbär in Sicht. Außer Schwarzbärenkot und ein paar Gänsen haben wir nichts gesehen. Dafür ans Ende der Welt zu fliegen und ein kleines Vermögen auszugeben, finde ich ziemlich verrückt.
Das Ende der Welt

Mit einer kleinen Propellermaschine sind wir von Churchill über die Hudson Bay zur Nanuk Polar Bear Lodge geflogen.
Unter uns erstreckte sich die weite Tundra, grün-grau in allen Farbschattierungen, durchzogen von Flüssen und Seen.
Die Lodge ist die einzige Behausung hier am Ende der Welt und nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Von Stacheldraht umgeben, ist sie eine Oase gegen die Kälte und gegen die wilden Tiere, die hier im Norden Kanadas leben.
Wir sind gekommen, um Eisbären zu sehen. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir mit Regenhosen, gefütterten Gummistiefeln und warmen Jacken ausgestattet und begaben uns auf unsere erste Pirschfahrt. Churchill Wild ist der einzige Anbieter, der auch Bärensichtungen zu Fuß anbietet.
Klicke auf das erste Bild um dir Fotos von der Nanuk Polar Bear Lodge in groß anzugucken:
Gute Laune und lecker Essen Die Nanuk Polar Bear lodge von Aussen Sundowner am Ender der Welt Vom Turm hat man einen tollen Rundumblick Auf ihn kann man auch ohne Guide gehen, da er sich im umzäunten Gelände befindet Luxus am Hudson Bay: ein gemütliches Zimmer und Wärme
Das liegt jedoch noch in weiter Zukunft. Momentan rumpeln wir noch durch Wind und Kälte.

Irgendwann sagt Terry, einer unserer Guides:
„Da – da ist ein Bär!“
„Wo?“, fragen wir aufgeregt.
„Dahinten, an der Wasserlinie, zur Hudson Bay. Seht ihr da den Stein, und jetzt schaut geradeaus weiter und ein kleines bisschen nach links.“
Obwohl es bewölkt ist, sehe ich dort hinten nur die Reflexionen vom weißen Wasser und sonst nichts. Ich kneife die Augen zusammen und scanne mit meinem 600-mm-Objektiv den Horizont. Da! Tatsächlich, dahinten ist der Schatten eines Bären. Ich mache ein Foto und vergrößere es. Mit etwas Fantasie kann ich ihn erkennen.
Ein bisschen interessanter habe ich mir die Tiersichtung hier schon vorgestellt. Ich bin bis auf die Knochen durchgefroren. Obwohl ich fünf Lagen anhabe, ist mir eiskalt. Ich will nicht in der Tundra sein. Ich möchte in der warmen, kuscheligen Lodge sitzen, direkt vor dem Feuer.
Einmal einem Eisbären in die Augen schauen

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Die Erde dampft, die Luft flimmert vor aufsteigender Wärme. All das Mürrische ist vergessen. Schon vom Beobachtungsturm aus hatten wir einen Eisbären gesehen, der Richtung Westen wanderte. Auf der Strecke entdecken wir einen zweiten Eisbären, der ebenfalls die Nase in den Wind hält und in dieselbe Richtung läuft. Ein Stückchen weiter treffen wir noch auf eine Mutter mit zwei Jungen.
Auch sie ziehen Richtung Westen. Unsere Guides Terry, Brandon und Hondo vermuten, dass es dort ein verendetes Tier gibt.
„Eisbären haben den besten Geruchssinn der Tierwelt“

erzählt uns Terry. „Sie können einen Kadaver auch aus über 30 Kilometern Entfernung riechen.“
Nach einigen Prielquerungen sehen wir in der Ferne ein verwittertes Schiffswrack. In unmittelbarer Nähe davon entdecken wir drei Bären. Terry sucht mit dem Fernrohr die Umgebung ab. Am Ufer entdeckt er den vermuteten Kadaver, er stammt von einem Beluga-Wal.
Jeden Sommer wandern etwa 55.000 bis 60.000 Belugawale – die weltweit größte Population dieser Art – in die westliche Hudson Bay, um sich im warmen Mündungsgebiet des Churchill River zu ernähren, sich zu paaren und ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen.

Unsere Guides scannen mit dem Fernrohr die Eisbären und die Situation und beschließen nach einer Weile, dass es für uns sicher ist, uns den Bären zu Fuß zu nähern.
Eigentlich schreien alle meine Urinstinkte: „Steig nicht aus, fahr möglichst weit weg!
Der Eisbär ist der gefährlichste der ohnehin gefährlichen Bären.
Und was machen wir? Wir laufen zu Fuß, um ihm mehr oder weniger den Weg abzuschneiden!
Ein unheimliches, aber auch aufregendes Gefühl.
Unsere Guides haben sich mit Steinen, Schreckschusspistolen und echten Gewehren bewaffnet. Wir stapfen in einer Linie und in den roten, dicken Klamotten der Lodge eingepackt – gegen den Wind haben wir die Kapuzen aufgezogen – wie die sieben Zwerge Richtung Bär. Vor Anspannung trauen wir uns kaum zu atmen. Alle sind mucksmäuschenstill.
Wir können einen weiteren Eisbären am Ufer der Hudson Bay auf uns zukommen sehen. Er kommt erstaunlich schnell und zielstrebig näher. Obwohl die Tiere subjektiv betrachtet gemütlich laufen, legen sie doch erstaunlich schnell Distanz zurück. Wir halten die Luft an. Nur ein kleiner Priel trennt uns noch vom Eisbären.
Unsere Guides haben uns natürlich mit einem sicheren Abstand von über 100 Metern in einem

Beobachtungsposten untergebracht, aber angesichts dieser Nähe kribbelt meine Haut doch vor Aufregung.
Deutlich können wir seine schwarzen Knopfaugen erkennen, die einen starken Kontrast zu seinem schneeweißen Fell bilden.
Er schaut kurz in unsere Richtung, steigt dann aber ohne zu zögern ins Wasser und schwimmt problemlos auf die andere Seite. Dort schüttelt er die Tropfen aus seinem Fell und läuft zielstrebig auf den Kadaver zu.
Eine jüngere, kleine Eisbärendame frisst gerade, als der große Eisbär sich ihr nähert. Wir erwarten einen Showdown, doch die Kleine räumt schnell das Feld. Terry erklärt:
„Eisbären versuchen, jeden Kampf zu vermeiden. Jede Verletzung kann für sie tödlich sein.“

Eisbären in Gefahr
Wie Alysa McCall von Polar Bears International erklärt, lebt hier, am westlichen Rand der Hudson Bay, die am stärksten gefährdete Population der Erde: „Die aktuellen Zahlen, laut denen die Eisbärenpopulation mehr oder weniger konstant ist, täuschen.“
Nur die Anzahl der Männchen bleibt relativ gleich. Was abnimmt, sind die Mütter mit ihren Jungen.
Die Weibchen müssen sich eine Speckschicht anfressen, um im Winter ihre Babys zu gebären und dann mit diesen drei bis vier Monate in der Schneehöhle zu bleiben. Sie sind somit die ersten, die unter Futtermangel leiden. Hier ist das Polareis am längsten geschmolzen, weshalb die Tiere hier wahrscheinlich auch die ersten sein werden, die verschwinden.
„Ob das in fünf, 15 oder vielleicht sogar erst in 50 Jahren der Fall sein wird, ist schwer zu prognostizieren, da sich momentan alles so schnell ändert“, sagt sie.
Klicke auf das erste Bild um die Eisbären in groß zu sehen:
Eine Eisbären Familie spielt zwischen den Steinen Unter Beobachtung - wer beobachtet wen? Ein großer männlicher Eisbär auf Wanderung Schwimmausflug der Eisbären Familie Eisbär am Hudson Bay Am Schiffswrack versammeln sich mehrere Eisbären da hier ein Beluga Wal Kadaver liegt
Auf der Heimfahrt treffen wir die Eisbärendame wieder, die wir schon am Morgen gesehen haben. Diesmal sitzt sie ganz nah am einzigen Weg, der durch das Dickicht führt. Wir schleichen uns Stück für Stück an sie heran, um sie nicht zu verschrecken. Sie schaut zwar ab und zu interessiert auf, frisst dann aber weiter.
Plötzlich richtet sie sich auf ihre Hinterbeine auf und schaut in unsere Richtung. Fast drei Meter hoch ragt sie aus den Büschen heraus. Sie fixiert uns mit ihren rabenschwarzen Knopfaugen, bevor sie sich wieder auf alle Viere fallen lässt und weiterisst.
Erst jetzt merke ich, dass ich den Atem angehalten habe. Ich bin einer Eisbärin so nah gekommen, dass ich ihr direkt in die Augen schauen konnte. Ein unglaublicher Moment.
Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, Eisbären aus nächster Nähe zu beobachten.
Einmal Nordlichter tanzen sehen
Dieser „Einmal-im-Leben“-Moment wird in Churchill jedoch nicht der einzige bleiben. Als ich abends beim Zähneputzen aus dem Fenster sehe, entdecke ich einen grünen Schleier, der aussieht, als würde gleich ein UFO landen.
Aufgeregt laufen wir zum Beobachtungsturm, von dem aus wir sehen können, wie sich die Strukturen aufbauen und grün in den Himmel wabern. Die Aktivität wird immer stärker, und ich meine sogar, die Luft knistern zu hören.

Wie in einem Science-Fiction-Film, in dem Außerirdische versuchen, uns Zeichen zu senden, rollen riesige grüne Wellen über uns hinweg.
Der Himmel tanzt. Vor Ehrfurcht bleibt mir der Atem weg.
Es ist eine überirdisch schöne Erfahrung, die mir fast die Tränen in die Augen treibt.
Churchill hat mir zwei einmalige Erlebnisse an nur einem Tag geschenkt. Ein großer Traum ist für mich in Erfüllung gegangen.
Informationen für deine Reise nach Churchill

Allgemeine Informationen
Allgemeine Informationen zu Reisezielen, Aktivitäten, Attraktionen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auf der Webseite von Travel Manitoba und auf der Seite der Stadt Winnipeg
Anreise
Flüge mit Zwischenstopp von Frankfurt nach Winnipeg gibt es beispielsweise mit Condor oder Air Canada
Für die Einreise nach Kanada ist ein elektronisches Reisedokument (eTA) erforderlich
Von Winnipeg nach Churchill
Churchill, die kleine Stadt an der Hudson Bay, kann man mit dem Flugzeug oder als zweitägiges Abenteuer mit dem Zug erreichen. Ein Waggon hat sogar ein Glasdach, um Nordlichter zu beobachten.

Eisbären beobachten mit Churchill Wild
Churchill Wild ist mit Sicherheit der luxuriöseste und professionellste Anbieter. Nur hier kann man sich den Eisbären auch zu Fuß nähern. Es gibt vier verschiedene Lodges, in denen je nach Saison auch Wölfe, Elche, Beluga-Wale, Schwarzbären und Rentiere beobachtet werden können. Alle Lodges liegen exklusiv mitten in der Wildnis. Nur die Blueberry Lodge befindet sich in Churchill selbst.
Wer sich diesen Luxus nicht leisten möchte oder kann, für den gibt es auch andere Möglichkeiten. Je nach Jahreszeit kann man von Churchill aus mit dem Tundrabuggy oder einem normalen Minibus auf Eisbärensuche gehen. Ein Anbieter für Tagestouren ist beispielsweise Discover Churchill Tours.
Belugawale und weitere Sehenswürdigkeiten in Churchill
Im Juli und August kann man auch in der Bucht vor Churchill Belugawale sehen. Leider war ich zu spät zum Kajakfahren: Diese Touren werden nur im Juli und August angeboten. Von der Prince of Wales Fort National Historic Site aus konnte ich aber auch noch im September ganz viele der kleinen weißen Wale im Wasser sehen.
Klicke auf das erste Bild um die Fotos in gross zusehen:
Das bunt bemalte Flugzeugwrack Miss Piggy Im Juli und August kann man auch Beluga Wale sehen Eine kleine Wanderung führt zum Schiffswrack SS Ithaka
Kajaktouren gibt es beispielsweise mit Sea North Tours.

Churchill Wild bietet im Juli und August in der Seal River Heritage Lodge eine Birds, Bears & Belugas Safari
In Churchill selbst kann man sich ebenfalls einiges anschauen, beispielsweise das Eisbärengefängnis, das Flugzeugwrack „Miss Piggy“, die Prince of Wales Fort National Historic Site, die Rocket Research Range oder das Schiffswrack der SS Ithaka. Viele der Gebäude sind mit coolen Graffitis verschönert.
Bedenke bei allem, was du tust: Du befindest dich im Territorium der Eisbären. Egal, wo du bist, du kannst einem der Tiere begegnen. Buche deshalb eine geführte Tour mit einem ausgebildeten Guide, zum Beispiel mit Discover Churchill.





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